Zum UN-Welttag der Ozeane am heutigen Montag erhöhen die deutschen Umweltverbände den Druck auf Bundesregierung und EU. NABU und WWF werfen Berlin vor, das im Januar in Kraft getretene Hochseeschutzabkommen noch immer nicht formal ratifiziert zu haben - und Schutzversprechen für Nord- und Ostsee schleppend umzusetzen. „Europas Meere stehen unter massivem Druck: Fischerei, Verschmutzung und Klimakrise wirken gleichzeitig“, sagte Kim Detloff, Teamleiter Meeresschutz beim NABU-Bundesverband, am Sonntag mit Blick auf den Aktionstag.

Hintergrund ist eine Zahl, die der NABU bei der Europäischen Umweltagentur abruft: 93 Prozent der EU-Meeresgebiete befinden sich nicht in gutem ökologischen Zustand. Nord- und Ostsee sind nach Einschätzung des Verbands massiv geschädigt, gleichzeitig kämen mit Offshore-Windenergie, Wasserstoffinfrastruktur und CO2-Speicherung in der Tiefe neue Belastungen hinzu. Detloff fordert deshalb wirksame Schutzgebiete, in denen zerstörerische Nutzungen tatsächlich ausgeschlossen sind, eine Marine Raumplanung nach Ökosystemansatz und eine dauerhafte Finanzierung für Schutz- und Renaturierungsmaßnahmen. Der Verband unterstützt zudem die europaweite BirdLife-Kampagne #HandsOffNature, die sich gegen eine Aufweichung bestehender EU-Naturschutzgesetze richtet.

Hochseeschutzabkommen in Kraft - Deutschland säumig

Den schärfsten Vorwurf richten die Verbände an die Bundesregierung beim Hochseeschutzabkommen, dem sogenannten BBNJ-Vertrag. Die Vereinbarung erlaubt erstmals völkerrechtlich verbindliche Schutzgebiete auf der Hohen See, also außerhalb nationaler Hoheitsgewässer. Sie ist am 17. Januar 2026 in Kraft getreten, nachdem 60 Staaten ratifiziert hatten. Deutschland war nicht dabei: Das Bundeskabinett hatte den Beitritt erst im Dezember 2025 beschlossen, die offizielle Hinterlegung der Ratifikationsurkunde bei den Vereinten Nationen in New York ist nach Angaben der Bundesregierung erst für diesen Monat vorgesehen.

Die Übernutzung mariner Ressourcen der zurückliegenden Jahrzehnte darf so nicht weitergehen, denn die Menschheit vernichtet dabei auch ihre eigene Lebensgrundlage.
- Ulrich Karlowski, Deutsche Stiftung Meeresschutz

Auch der WWF Deutschland nutzt den Aktionstag, um an die 30-mal-30-Zielmarke zu erinnern: Bis 2030 sollen weltweit 30 Prozent der Meeresfläche unter Schutz stehen. Anna Holl Buhl, Meerespolitik-Expertin des WWF, sieht den Trend grundsätzlich positiv. „Meeresschutz ist oft ein Marathon, und in den letzten Jahren hat es die Weltgemeinschaft geschafft, unglaublich wichtige Abkommen zum Schutz der Meere auf den Weg zu bringen“, sagte sie zum Welttag. Konkret fordert der WWF von Berlin nun den nächsten Schritt: Ein Moratorium für Tiefseebergbau, eine raschere Umsetzung des WTO-Abkommens gegen schädliche Fischereisubventionen sowie einen schnelleren Ausstieg aus fossilen Energieträgern, um Versauerung und Erwärmung der Ozeane zu bremsen.

Motto „Reimagine“ - UN setzt auf Umdenken

Die Vereinten Nationen haben den diesjährigen Welttag der Ozeane unter das Motto „Reimagine“ gestellt - ein Aufruf zum grundsätzlichen Umdenken im Umgang mit den Meeren. Der Tag wird seit 2009 jährlich am 8. Juni von den UN ausgerufen und geht auf den Erdgipfel von Rio de Janeiro 1992 zurück. Ulrich Karlowski, Biologe der Deutschen Stiftung Meeresschutz, formulierte die Erwartung in einer Mitteilung an die Presse zugespitzt: Die Übernutzung der vergangenen Jahrzehnte sei nicht fortsetzbar. Für die Bundesregierung dürfte das praktische Maß in den kommenden Wochen die formale Hinterlegung in New York sein - und damit der Übergang von einer politischen Absichtserklärung in eine völkerrechtlich bindende Zusage.