Wim Wenders hat seinen Film „Falsche Bewegung" von 1975 aus dem Vertrieb genommen. Die nach ihm benannte Stiftung kündigte am Dienstagabend an, Streaming-, TV- und Verleihpartner würden angewiesen, das Werk „in keiner derzeitigen Form öffentlich mehr zugänglich zu machen". Hintergrund ist eine rund zweiminütige Szene, in der die damals 13-jährige Nastassja Kinski mit entblößtem Oberkörper zu sehen ist. Erst nach einer „Verständigung mit Nastassja Kinski" solle der Film wieder gezeigt werden, teilte die Stiftung mit, wie ZDFheute und der Tagesspiegel berichteten.

Wenders entschuldigte sich in der Erklärung der Stiftung erstmals direkt bei seiner früheren Hauptdarstellerin. „Als der einzige Verantwortliche für ‚Falsche Bewegung' damals, der noch da ist, sehe ich, dass Nastassja Kinski damals besser beschützt werden müssen. Dafür bitte ich Dich um Entschuldigung, Nastassja, ohne Wenn und Aber", zitierte ihn die Berliner Zeitung. Den Schritt vollzog der 80-Jährige am Dienstag, dem 3. Juni, fünf Tage nach seiner Dankesrede zur Ehrenlola für sein Lebenswerk.

Obwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war.
- Nastassja Kinski, Süddeutsche Zeitung

Druck nach der Lola-Gala

Am 29. Mai hatte Wenders im Palais am Funkturm in Berlin die Ehrenlola entgegengenommen und sich dort erstmals öffentlich zu der Szene geäußert. Heute würde er sie nicht mehr so drehen, sagte er, mahnte aber zugleich, sein jüngeres Ich sei „ein Filmemacher seiner Zeit" gewesen. Statt eines unmittelbaren Schnitts schlug er eine Debatte über den Umgang mit umstrittenen Werken vor und bat die Deutsche Filmakademie um eine Diskussion. Die taz nannte die Strategie „fragwürdig", der Saal hatte applaudiert.

Kinskis Medienrechtsanwalt Christian Schertz reagierte umgehend und warf Wenders vor, sich der persönlichen Verantwortung zu entziehen. Er habe seit Jahren um ein direktes Gespräch gebeten, sagte Schertz dem Tagesspiegel, Wenders sei dem ausgewichen; nun müsse über rechtliche Schritte entschieden werden. Auch Alice Schwarzer schaltete sich am 3. Juni in der Emma ein und forderte den Regisseur direkt auf: „Wim: Höre auf zu reden - und handle! Schneide endlich diese verdammten zwei Minuten raus aus deinem Film!"

Die Forderung der Schauspielerin steht seit Jahren im Raum. In der Süddeutschen Zeitung hatte Kinski Anfang Mai gesagt: „Das war mein erster Film, er war mein erster Regisseur, und er hat mich nicht beschützt." Die Stiftung erklärte nun, sie strebe einen „breiten Dialog" mit der Filmakademie und der Schauspielerin an, bevor über eine eventuelle Wiederveröffentlichung entschieden werde. Wie mit Archiv- und Restbeständen verfahren wird, blieb in der Mitteilung offen.

Berlinale-Beitrag von 1975

„Falsche Bewegung" war der zweite Teil von Wenders' Goethe-Trilogie und feierte 1975 auf der Berlinale Premiere. Der Film bekam sechs Deutsche Filmpreise und gilt als zentrales Werk des Neuen Deutschen Kinos. Für Kinski, damals von ihrer Mutter zum Casting gebracht, war es das Debüt. Die jetzige Rücknahme ist die weitreichendste Reaktion eines deutschen Auteur-Regisseurs auf die Aufarbeitungsdebatten der vergangenen Jahre - und das erste Mal, dass ein klassisches Werk dieser Größenordnung aus dem Verkehr gezogen wird, bis Regisseur und Hauptdarstellerin sich verständigt haben.