Vor 50 Jahren, in den frühen Morgenstunden des 1. August 1976, brach die Wiener Reichsbrücke unter ihrem eigenen Gewicht zusammen und stürzte in die Donau. Ein Autofahrer starb, ein Autobus der Wiener Verkehrsbetriebe blieb aufrecht auf einem Trümmerteil hängen. Zum runden Jahrestag arbeiten österreichische Medien die Katastrophe erneut auf. Sie gilt bis heute als eines der folgenreichsten Bauwerksversagen der Zweiten Republik.

Der Einsturz ereignete sich zwischen 4:30 und 4:50 Uhr an einem Sonntagmorgen. Dass die Tragödie zu einer verkehrsarmen Uhrzeit geschah, verhinderte weit größere Verluste, wie der ORF in seiner Rückschau festhält. Der Bus, der die Brücke gerade passierte, blieb auf der zerfallenen Konstruktion stehen. Der Fahrer entkam unverletzt. Ein junger Autofahrer, der die Reichsbrücke kurz vor dem Kollaps überquerte, kam ums Leben.

Eine Sachverständigenkommission stellte später den Grund fest: Der linke Strompfeiler, nach dem Zweiten Weltkrieg wiederhergestellt, war teils mit Sand und „unverdichtetem Beton“ gefüllt. Durch das mangelhafte Material sickerte Wasser ein und schwächte die Tragstruktur, bis sie versagte. Die Erschütterungen des Kollapses waren so stark, dass sie die Seismografen auf der Hohen Warte registrierten.

Politische Folgen und ein neues Kontrollregime

Wiens Bürgermeister Leopold Gratz (SPÖ) bot laut VOL.at seinen Rücktritt an. Angenommen wurde er nicht, doch der zuständige Planungsstadtrat Fritz Hofmann übernahm die politische Verantwortung und schied wenige Tage später aus dem Amt. Der Neubaubeschluss fiel bereits am 3. August 1976, die heutige Reichsbrücke wurde nach vierjähriger Bauzeit im November 1980 eröffnet. Auch der U-Bahn-Ausbau der Linie U1 nach Kagran, ohnehin auf der Liste, wurde in der Folge beschleunigt.

Die eigentliche strukturelle Konsequenz zog Österreich mit einem bundesweiten Kontrollregime für Brücken. Die Richtlinien und Vorschriften für das Straßenwesen (RVS) schreiben seither Hauptprüfungen alle sechs Jahre vor, Zwischenprüfungen mindestens alle zwei Jahre und Sichtkontrollen im Vier-Monats-Takt. Dirk Neuburg, Leiter der Brückenprüfung bei der Wiener Magistratsabteilung 29, verweist gegenüber wien.ORF.at darauf, dass zusätzlich elektronische Überwachung sowie zerstörungsfreie Verfahren wie Röntgen und Ultraschall zum Einsatz kommen, sofern Auffälligkeiten vermutet werden.

Fest, sicher und unverletzlich, wie wir sie heute sehen, möge diese Brücke bestehen jahrhundertelang.
- Eröffnungsrede zur ersten Reichsbrücke, 1876, zitiert nach ORF

Ein Anruf, den niemand erklärt

Neben Bauwerkskunde begleitet den Jahrestag ein bis heute ungeklärtes Detail. In der Nacht vor dem Einsturz ging in einer Wiener Redaktion ein anonymer Anruf ein. Der Anrufer prophezeite, „morgen um fünf“ werde die Reichsbrücke verschwinden und Wien werde die größte Nachkriegskatastrophe erleben. Die Polizeiermittlungen führten zu keinem Ergebnis. Ob es sich um Zufall oder um Insiderwissen handelte, ist offen geblieben. Aufgearbeitet hat den Fall zuletzt das Onlinemagazin Wiener Online mit Blick auf den 50. Jahrestag.

Für die Stadt Wien bleibt die Reichsbrücke Mahnmal und Alltagsinfrastruktur zugleich. Die Magistratsabteilung 29 verwaltet heute mehr als 850 Brücken. Neuburg zufolge zwingen die Budgetgrenzen dazu, dringend erforderliche Instandsetzungen zu priorisieren und breite Sanierungen zurückzustellen. Für sichere Wartung stünden ausreichende Mittel weiterhin zur Verfügung. Die Ereignisse vom 1. August 1976 gelten in der europäischen Brückeninspektion als Referenzfall, gerade weil die Alterung des tragenden Elements aus damaliger Sicht nicht erkennbar gewesen war.