24 Stunden Vorsprung im Trainingskalender: Während Argentinien am Samstag im Trainingszentrum an der Rutgers University die letzte Einheit vor dem WM-Finale absolviert, hatte Spanien schon einen Tag zuvor die Möglichkeit, zwischen Krafttraining und Eisbad zu wechseln. Das Halbfinale gegen Frankreich (2:0) spielte die Selección am Dienstag in Dallas, Argentinien folgte einen Tag später mit dem 2:1 gegen England in Atlanta. Vor dem Endspiel am Sonntagabend im MetLife Stadium wird nun diskutiert, ob dieser eine Tag mehr Pause tatsächlich ein Vorteil ist.

Der Trainingswissenschaftler Thimo Wiewelhove von der Deutschen Sporthochschule Köln sieht darin einen realen, wenn auch begrenzten Effekt. „Es kommt selbstverständlich auch auf viele andere Faktoren an wie die Spielstärke und die Taktik, aber dieser eine Tag bedeutet schon einen kleinen Vorteil für Spanien“, sagte Wiewelhove der Sportschau. Wer nach einem Turnierspiel 24 Stunden mehr Zeit habe, um Mikrotraumen und Entzündungswerte in der Muskulatur abzubauen, könne intensiver in die klassischen Regenerationsroutinen einsteigen: Eisbad, Ernährung, Schlaf. Auch mental gebe der zusätzliche Tag Spielraum, die Anspannung vor dem Endspiel nicht zu früh hochzufahren.

Dieser eine Tag bedeutet schon einen kleinen Vorteil für Spanien.
- Thimo Wiewelhove, Trainingswissenschaftler an der Sporthochschule Köln, in der Sportschau

Trainingsseitig erwartet Wiewelhove keine großen Unterschiede mehr. In dieser Phase eines Turniers üben beide Teams nur noch sehr behutsam, im Kern geht es um das Ballgefühl und um taktische Feinjustierungen. Auf spanischer Seite betrifft der Regenerationsfokus vor allem Lamine Yamal. Der 19-Jährige hatte im Halbfinale einen Tritt gegen den linken Oberschenkel abbekommen und trainierte am Freitag im Gegensatz zu seinen Mitspielern individuell. Nach Angaben der spanischen Sportzeitung Marca soll sein Einsatz im Finale aber nicht gefährdet sein, auch Nationaltrainer Luis de la Fuente hatte am Donnerstag in Manhattan Entwarnung gegeben.

Was die Zahlen sagen

Der historische Blick stützt Wiewelhoves Einschätzung zumindest tendenziell. Laut Sportschau-Auswertung hat seit der EM 2012 in sieben von neun Endspielen bei WM und EM jenes Team gewonnen, das zwischen Halbfinale und Finale einen Tag mehr Pause hatte. Die Ausnahmen liegen ausgerechnet bei Spanien selbst: 2008 und 2010 holte die damalige Generation um Xavi und Iniesta die Titel trotz kürzerer Erholung. Ein statistisches Naturgesetz ist der Rest-Effekt also nicht, eher eine Wahrscheinlichkeitsverschiebung, die Trainerstäbe in ihre Planung einbeziehen.

Bei Argentinien setzt der Stab von Lionel Scaloni deshalb auf ein sehr klar getaktetes Kompensationsprogramm. Torhüter Emiliano Martínez hatte am Freitagabend auf der Pressekonferenz im Javits Center in New York betont, das Team habe die Rückreise aus Atlanta bewusst früh angetreten und die Regeneration mit Fokus auf Schlaf und Flüssigkeitszufuhr durchgezogen. Auch Kapitän Lionel Messi steuert seinen dritten WM-Endspielauftritt an, ohne Zusatzeinheiten - eine bewusste Entscheidung des Trainerteams.

Am Samstag wird das Bild in New York ohnehin von einem anderen Thema überlagert. Die durch kanadische Waldbrände belastete Luft rund um das MetLife Stadium und die für Sonntag prognostizierten hohen Temperaturen werden für beide Mannschaften zur zusätzlichen Belastung. Wiewelhove verwies genau darauf: Regeneration wirke am Ende immer im Verbund mit den äußeren Bedingungen am Spieltag. Ob Spaniens 24-Stunden-Vorsprung im Endspiel wirklich sichtbar wird, entscheidet sich am Sonntag um 21 Uhr deutscher Zeit.