Einen Tag nach dem 1:0 der Spanier gegen Argentinien sind die Bühnenlichter im MetLife Stadium aus, und in Zürich beginnt das Aufaddieren. FIFA-Präsident Gianni Infantino sprach schon vor dem Endspiel vom „grössten menschlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Ereignis, das die Menschheit je erlebt hat“. Die Zahlen, die sein Verband nun vorlegt, geben ihm zumindest ökonomisch Rückendeckung - die Kritik an dieser WM tut das nicht.
6.665.825 Zuschauer verteilten sich laut FIFA auf 104 Spiele in den USA, Kanada und Mexiko, macht im Schnitt 65.351 pro Partie und eine Stadionauslastung von 99,7 Prozent. Beides sind Turnierrekorde. Für die Zyklusrechnung 2023 bis 2026 kalkuliert der Verband inzwischen mit mehr als 15 Milliarden US-Dollar Einnahmen, ursprünglich waren es 13 Milliarden. Rund 4,3 Milliarden entfallen laut ZDFheute allein auf TV-Rechte, drei Milliarden auf Ticketverkäufe. Am Ende soll ein Überschuss von 2,1 Milliarden Dollar stehen.
Diese Fussball-Weltmeisterschaft hat auf jeden Fall alle Erwartungen übertroffen.
Sportlich fällt die Bilanz gemischter aus. Weil zwei Drittel des 48er-Feldes die Vorrunde überstanden, kommentierte Fritz Pecker bei neunzigplus, „ein Unentschieden meist schon reichte“ - die entscheidenden Momente hätten sich in die K.o.-Runde verschoben, die Vorrunde habe an Spannung verloren. Sportschau-Redakteur Benjamin Wüst schrieb am Montag von „Licht und Schatten“: Spaniens Kombinationsspiel bezeichnete er als „Fussball nahe der Perfektion“, die Schlussszenen des Finales mit Rotsündern Enzo Fernandez und der Rangelei zwischen Leandro Paredes und Gavi allerdings als Bild einer Turnierserie, die immer wieder aus dem Rahmen fiel.
Die Nebenwirkungen
Der Preis für den Erfolg fiel wörtlich hoch aus. Offizielle Finaltickets erreichten laut 20 Minuten 6.730 Dollar, auf dem Zweitmarkt gingen Sitzplätze für bis zu 25.000 Dollar weg, ein Stadionbier kostete 16 Dollar. Menschenrechtsorganisationen zogen bereits vor dem Anpfiff eine bittere Zwischenbilanz: Daniel Noroña von Amnesty International USA sagte gegenüber der Sportschau, die Zahl der Verhaftungen durch die Einwanderungsbehörde ICE habe sich rund um das Turnier verdoppelt, obwohl die FIFA versprochen habe, „dass sich jeder sicher fühlen kann“.
Politisch prägte vor allem der Iran-USA-Konflikt das Turnier. Seit Februar befinden sich beide Länder im Krieg, erstmals seit 1930 empfing damit ein WM-Gastgeber ein Team der Gegenseite. Die iranische Delegation musste in Tijuana Quartier beziehen, Spieler Aymen Hussein wurde bei der Einreise stundenlang befragt, mehreren Offiziellen wurde das Visum verweigert. Erst nach dem Waffenstillstand Ende Juni lockerten sich die Auflagen. Dass Infantino Präsident Donald Trump im Weißen Haus einen eigens geschaffenen „Peace Prize“ überreichte, wurde in mehreren Redaktionen als Sportswashing eingeordnet.
Auch die Umweltbilanz ist heikel. Das New Weather Institute schätzt den Ausstoß auf mindestens neun Millionen Tonnen CO2-Äquivalente und nennt die Turnierausgabe damit die umweltschädlichste aller Zeiten. Auf dem Rasen bekam das Klima sein eigenes Regelwerk: In geschätzt einem Viertel der Spiele erreichte die gefühlte Temperatur bis zu 49,5 Grad. Die neu eingeführten dreiminütigen Trinkpausen nach 22 Spielminuten sollten helfen, sorgten aber für Diskussionen - ebenso wie die neue Regel, „Hand vor dem Mund“ mit Rot zu ahnden.
Was bleibt
Bei aller Kritik lieferte das Turnier Momente, die es ohne die Aufstockung nicht gegeben hätte. Der 600.000-Einwohner-Staat Kap Verde stand als kleinster WM-Debütant im Achtelfinale und trieb Argentinien in die Verlängerung, ehe er 2:3 unterlag. Rodri wurde von der FIFA als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet, Kylian Mbappé nahm Messi den Rekord als treffsicherster WM-Torschütze aller Zeiten ab. Und der DFB verlor früh - Bundestrainer Julian Nagelsmann trat unmittelbar nach dem Vorrunden-Aus zurück. In Zürich wird schon geplant: Die WM 2030 steigt in Spanien, Portugal und Marokko, mit Jubiläumspartien in Uruguay, Argentinien und Paraguay.