Am 11. Juni rollt in Mexiko-Stadt der Ball, und mit ihm tritt ein Regelpaket auf die größte Bühne, das die FIFA seit Anfang Juni weltweit vorschreibt. Beschlossen hat es der International Football Association Board (IFAB) Anfang März in Wales. Für Spieler, Trainer und Fans bedeutet die WM in den USA, Kanada und Mexiko damit auch eine Premiere: erweiterter Videobeweis, schärfere Zeitspiel-Sanktionen, neue Gründe für die Rote Karte.
Im Zentrum steht der Videoassistent. Bei der WM darf er erstmals fälschlich gegebene Eckbälle anzeigen, wie die Sportschau in ihrer Übersicht zu den Regeländerungen festhält. Außerdem kontrolliert er die zweite Gelbe Karte einer Gelb-Roten und greift ein, wenn der Schiedsrichter den falschen Spieler verwarnt hat. Auch Fouls vor der Ausführung eines ruhenden Balls können nachträglich geahndet werden, selbst wenn das Spiel kurzzeitig unterbrochen war.
Normalerweise dauert es zehn bis fünfzehn Sekunden, ehe die angreifende Mannschaft bereit ist. In diesen Sekunden kann geklärt werden, ob eine Ecke womöglich fälschlicherweise gegeben wurde.
Drei Sekunden weniger für die Torhüter
Beim Zeitspiel zieht die FIFA die Schraube an. Torhüter dürfen den Ball nur noch fünf Sekunden festhalten, bisher waren es acht. Wer länger braucht, riskiert einen Eckstoß für den Gegner. Auch Einwürfe und Abstöße müssen binnen fünf Sekunden ausgeführt werden, Auswechslungen binnen zehn Sekunden ab Anzeige der Tafel. Verletzt sich ein Spieler auf dem Platz und wird dort behandelt, muss er anschließend mindestens 60 Sekunden draußen bleiben - ein Schritt gegen das taktische Liegenbleiben, wie es zuletzt in der Champions League mehrfach zu sehen war.
„Ich finde diese Regel Weltklasse“, sagte der Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich bei MagentaSport. Hinzu kommen verpflichtende Trinkpausen: Nach jeweils 22 Minuten in beiden Halbzeiten wird drei Minuten lang unterbrochen, unabhängig von Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Bei Hitzespielen in Houston, Dallas oder Monterrey dürfte das die folgenreichste Neuerung des Regelwerks sein.
Mund zu, Rot raus
Auch der Strafenkatalog wächst. Wer in einer hitzigen Auseinandersetzung Hand oder Trikot vor den Mund hält, um das Ablesen der Lippen zu verhindern, kann vom Platz gestellt werden. Die FIFA reagiert damit auf Fälle aus den europäischen Ligen, in denen mutmaßlich rassistische oder diskriminierende Beleidigungen unter der Hand gefallen sein sollen. Collina präzisierte vor Journalisten in Zürich, eine Rote Karte werde nur ausgesprochen, wenn es „eine konfrontative Konversation“ sei. Wer aus Protest gegen eine Schiedsrichter-Entscheidung das Feld verlässt, soll künftig ebenfalls Rot sehen, ebenso Trainer, die ihre Mannschaft dazu auffordern.
Pfeifen werden die 104 Partien des Turniers 50 Männer und zwei Frauen. Tori Penso aus den USA und Katia Garcia aus Mexiko stehen für eine Premiere im Männerfußball: Erstmals leiten Frauen Spiele einer FIFA-Männer-WM. Aus Deutschland ist nur Felix Zwayer nominiert. Der 44-jährige Berliner pfeift seit 2004 in der Bundesliga, leitete bei der EM 2024 das Halbfinale Niederlande gegen England, ist nun aber erstmals bei einer Weltmeisterschaft dabei. An seiner Seite assistieren Robert Kempter und Christian Dietz, im Video-Center sitzt Bastian Dankert. Daniel Siebert, 2022 in Katar noch dabei, fehlt diesmal.
Die DFB-Elf wird Zwayer in ihren Gruppenspielen nicht begegnen, FIFA-Schiedsrichter werden nie für ihr Heimatland eingesetzt. Bei der Generalprobe am Samstag gegen die USA im Soldier Field in Chicago kommt der erste Praxistest der neuen Regeln allerdings schon, denn auch die Testspiele werden nach dem aktuellen Stand gepfiffen. Ab dem 11. Juni gelten sie dann für jedes der 48 Teams - inklusive der drei Minuten Pause in der Sommerhitze von Texas.