Eine Woche vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-WM in Mexiko-Stadt hat ein breites Bündnis aus Menschenrechtsorganisationen FIFA-Präsident Gianni Infantino mit einem Brief konfrontiert. Die Sport and Rights Alliance (SRA) warnt vor einem Turnier in einem „Klima der Angst“ und stellt fünf konkrete Forderungen. Wie die Sportschau am Mittwoch berichtete, blieb die Antwort der FIFA bisher nahezu aus: Der Weltverband ging nur auf den Kinderschutz ein, nicht auf die zentralen Punkte zu Einwanderung, Pressefreiheit und unabhängiger Beobachtung.
Die Geschäftsführerin der SRA, Andrea Florence, schreibt in dem Schreiben an Infantino, die FIFA habe in ihrem Menschenrechtsrahmenwerk ein „sicheres, einladendes und inklusives Turnier“ versprochen. Stattdessen schüre die „menschenrechtsfeindliche Rhetorik und Einwanderungspolitik“ von US-Präsident Donald Trump bei Fans, Spielern und Journalisten Angst. Florence verweist auf die zahlreichen Treffen Infantinos mit Trump und auf das Foto, bei dem der FIFA-Chef dem Präsidenten am 22. August 2025 den WM-Pokal im Weißen Haus überreichte. Die FIFA habe „den nötigen Einfluss“ und trage „rechtliche und moralische Verantwortung“, sie sei „nicht nur eine Zuschauerin von Menschenrechtsverletzungen“.
Die FIFA hat in ihrem Menschenrechtsrahmenwerk ein sicheres, einladendes und inklusives Turnier versprochen. Die menschenrechtsfeindliche Rhetorik und Einwanderungspolitik von US-Präsident Donald Trump schürt stattdessen Angst.
Zu den fünf Forderungen gehören ein öffentlicher Stopp von ICE-Einsätzen während des Turniers, gleicher Zugang für Teams, Medien und Fans unabhängig von Visa- oder Nationalitätsbeschränkungen, ein unabhängiger Mechanismus zur Menschenrechtsbeobachtung, ein öffentliches Bekenntnis zur Pressefreiheit sowie eine FIFA-Richtlinie, die Familien das Mitreisen ohne Trennungsangst ermöglichen soll. Hintergrund ist nach Angaben der SRA, dass die Einwanderungsbehörde ICE und andere Stellen seit Januar 2025 in den elf US-Spielorten mehr als 167.000 Menschen festgesetzt haben, besonders viele in Miami, Dallas und Houston. Festnahmen erfolgten häufig in Zivil und richteten sich gezielt gegen nicht-weiße Communities.
Vom Reiseratgeber bis zur ICE-Truce
Der Brief steht am Ende einer Eskalationskette, die seit Monaten läuft. Amnesty International und Dutzende US-Bürgerrechtsorganisationen hatten bereits Ende April einen „Weltmeisterschafts-Reiseratgeber“ veröffentlicht, der Besucher vor willkürlichen Einreiseverweigerungen und invasiven Durchsuchungen von Handys und Social-Media-Konten warnt. Steve Cockburn, Leiter wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit bei Amnesty International, sagte bereits Ende März, die US-Regierung habe „2025 mehr als 500.000 Menschen abgeschoben - sechsmal so viele, wie das WM-Finale im MetLife Stadium sehen werden“. Während die FIFA Rekord-Einnahmen erziele, dürften „Fans, Communities, Spieler, Journalistinnen und Journalisten sowie Beschäftigte nicht den Preis zahlen“. Human Rights Watch und das Bündnis Dignity 2026 fordern eine „ICE-Truce“, eine Aussetzung der Einwanderungsrazzien analog zum olympischen Friedensgebot.
Hinter dem aktuellen Brief stehen neben der SRA und Amnesty unter anderem Human Rights Watch, Reporter ohne Grenzen sowie Football Supporters Europe. Einreisebeschränkungen treffen derzeit Staatsangehörige aus Haiti, Iran, Senegal und der Elfenbeinküste; wer einreist, muss Social-Media-Accounts und persönliche Daten offenlegen. Für Reporter ohne Grenzen ist dabei vor allem das Recht der Medien betroffen, über mehr als nur die Spiele berichten zu können. Football Supporters Europe verweist auf Fans, die ihre Tickets bereits gebucht haben und nun nicht wissen, ob ihre Familien gemeinsam ins Stadion gelangen.
Für den DFB beginnt das Turnier am Sonntag, 14. Juni, mit dem Auftaktspiel gegen Curaçao. Die deutsche Mannschaft trainiert seit Dienstag in Chicago, am Samstag steht im Soldier Field die Generalprobe gegen die USA an. Aus Sicht der Menschenrechtler ist Chicago dabei einer der Brennpunkte: Die Stadt zählt nach SRA-Angaben zu den Schauplätzen, in denen die ICE-Einsätze seit 2025 deutlich zugenommen haben. Eine substanzielle Antwort der FIFA auf den Brief stand am Mittwoch noch aus.