Zwei Tage nach dem Finale von East Rutherford ziehen die deutschen Sender Bilanz einer WM-Neuerung, die den Spielfluss der ersten Weltmeisterschaft mit 48 Teams stärker geprägt hat als Torlinientechnik oder Video-Assistent: die verpflichtende Trinkpause nach rund 22 Minuten in jeder Halbzeit. ZDFheute hat sämtliche 102 Turnierspiele nach den drei Minuten Unterbrechung ausgewertet und am Sonntag die Ergebnisse veröffentlicht.

Das statistische Bild ist gemischt. In der ersten Halbzeit fielen in den fünf Minuten nach der Pause im Schnitt mehr Tore als in vergleichbaren Zeitfenstern davor. Nach der zweiten Trinkpause zwischen der 69. und 72. Minute war kein signifikanter Ausschlag messbar. In neun Partien identifizierten die ZDF-Datenjournalisten eine deutlich veränderte Spieldynamik: Mannschaften, die vor der Pause unter Druck standen, kamen danach zurück ins Spiel - so wie Brasilien, das gegen Marokko einen Rückstand direkt nach der Trinkpause ausglich.

Die Kabine auf dem Rasen

Per Mertesacker, während des Turniers ZDF-Experte, hob den taktischen Nutzen hervor. „Input von außen hilft massiv, wenn das Spiel anders läuft als geplant“, zitiert ihn ZDFheute. Als Musterbeispiel nennt die Analyse das deutsche Auftaktspiel gegen Curaçao, in dem die Gäste in der 20. Minute ausgeglichen hatten. Julian Nagelsmann nutzte die anschließende Pause, um seine Mannschaft auf die Rautenformation im Mittelfeld einzustellen. „Da war es gut, dass wir die Trinkpause hatten“, sagte der damalige Bundestrainer laut ZDF.

England-Trainer Thomas Tuchel formulierte den Effekt gegenüber dem Sender grundsätzlicher. „Der Charakter des Fußballs verändert sich viel stärker, als ich dachte“, sagte Tuchel. Die drei Minuten wirkten in der Praxis wie ein Mini-Timeout, in dem beide Trainerteams Formation, Pressinghöhe und Wechselvorbereitung durchsprechen konnten - ein Werkzeug, das es in dieser Form im Männer-Weltfußball zuvor nicht gab.

Der Charakter des Fußballs verändert sich viel stärker, als ich dachte.
- Thomas Tuchel, gegenüber dem ZDF

Kommerz-Vorwurf und Bundesliga-Absage

Kritik hatte die FIFA-Regelung schon während des Turniers begleitet. Weil die Pause verpflichtend war - unabhängig von Temperatur, geschlossenem Stadiondach oder Uhrzeit - sprach ARD-Experte Bastian Schweinsteiger bei der Partie Kanada gegen Bosnien-Herzegowina in Toronto bei 26 Grad von einer „fragwürdigen“ Regelung. Berliner Kurier und Sportschau warfen der FIFA vor, aus Kühlpausen ein Geschenk an Werbekunden gemacht zu haben; ARD und ZDF hatten für die deutschen Übertragungen erstmals Werbung während der Unterbrechungen eingespielt.

Für die Bundesliga bleibt der WM-Rhythmus vorerst Episode. Die DFL hatte während des Turniers klargestellt, dass sie an den bisherigen Regeln festhalten wolle; die Klub-Trainer sähen keinen Bedarf für zusätzliche Unterbrechungen im 34-Spieltage-Kalender. Auf FIFA-Ebene aber dürfte das Format bleiben: Präsident Gianni Infantino hatte die WM 2026 bereits am Finalabend zum vollen Erfolg erklärt - und die Trinkpausen zählen für die Verbandsspitze explizit dazu.