Acht Tage vor dem WM-Anpfiff in Mexiko-Stadt holt die Debatte um den Spielball den Adidas-Konzern wieder ein. Spektrum der Wissenschaft veröffentlichte am Mittwoch eine Analyse der New Yorker Mathematikerin Emma R. Hasson, die die Geometrie des „Trionda“ zerlegt: Der offizielle WM-Ball besteht aus nur vier thermisch verschweißten Panels und basiert wie der berüchtigte „Jabulani“ von 2010 auf einem Tetraeder. Es ist der WM-Ball mit den wenigsten Außenflächen aller Zeiten, und genau dieser Befund weckt bei Torhütern Erinnerungen an Südafrika, wo die Flugbahn des Jabulani zur Dauerklage wurde.

Die Zahlen sind eindeutig. Der klassische Telstar von 1970 setzte mit seinen zwanzig Flächen auf einer Ikosaeder-Struktur auf, was ihm laut Hasson 60 Rotationssymmetrien beschert; der Trionda kommt auf gerade einmal zwölf. Der Brazuca von 2014 hatte sechs würfelförmige Panels, der Jabulani acht. Je weniger Nähte, desto geringer ist der Luftwiderstand bei hohen Geschwindigkeiten - und desto unruhiger kann ein Ball in der Luft liegen. Dass Adidas mit dem Trionda diesen Pfad weiterverfolgt, ist eine technische Wette.

Was die Physik zum Vergleich sagt

Der US-Physiker John Eric Goff von der University of Puget Sound hat den Ball nach Berichten der Süddeutschen Zeitung im Windkanal vermessen. Ein Flattern wie beim Jabulani erwartet er nicht, der Trionda werde sich aber spürbar anders verhalten als gewohnte Spielbälle. Den Unterschied zu Südafrika begründet Goff mit der Oberfläche: Adidas hat in das Leder millimetertiefe Rillen und Reliefs eingelassen, die für zusätzliche Luftreibung sorgen sollen. Der Jabulani war demgegenüber glatt, was die Strömungsabrisse begünstigte und seinen schlechten Ruf besiegelte.

Bei Adidas selbst nimmt man die Vorbehalte nicht persönlich. „Der meistgetestete Fußball der Welt“, sei der Trionda, sagte Solène Störmann, Global Category Director Football, dem WM-Liveblog von WEB.DE. Das Modell sei für Bedingungen von Meereshöhe bis hinauf auf 2240 Meter in Mexiko-Stadt entwickelt worden und enthalte einen 500-Hertz-Sensor, der Geschwindigkeit, Drall und Berührungen in Echtzeit an die VAR-Zentrale schickt. 160 Euro kostet die Pro-Version im Handel.

Wenn man einen neuen Ball testet, absolviert man eine normale Trainingseinheit und achtet auf seine Eigenschaften.
- Brad Friedel, ehemaliger US-Nationaltorhüter, in Spektrum der Wissenschaft

Die Spielerinnen und Spieler selbst bleiben gelassen. Mittelfeldspielerin Julia Grosso vom Chicago Stars FC, kanadische Nationalspielerin, sagte Spektrum: „Es geht mehr darum, wie wir als Team zusammenarbeiten, als darum, mit welcher Art von Ball wir spielen.“ Der zweimalige WM-Teilnehmer Brad Friedel verweist auf die Routine der ersten Trainingseinheiten, in denen Verteidiger und Torhüter das Verhalten des Spielgeräts kennenlernen müssen. Beim DFB-Team in Chicago, das am Mittwoch seine erste Einheit auf der Anlage des Chicago Fire FC absolviert, dürfte der Trionda ab sofort zum Pflichtprogramm gehören.

Premiere am 11. Juni im Estadio Azteca

Der Trionda hat seine offizielle Bewährungsprobe am Donnerstag kommender Woche, wenn Mexiko im Estadio Azteca die WM gegen Südafrika eröffnet. Die deutsche Mannschaft trifft drei Tage später in Houston auf Curaçao. Bis dahin sammelt der Ball in den letzten Testspielen Erfahrungswerte, am Mittwochabend etwa bei den Länderspielen Niederlande gegen Algerien in Rotterdam und Polen gegen Nigeria in Warschau. Ob die Tetraeder-Wette aufgeht, entscheidet sich erst, wenn der erste Freistoß aufs Tor segelt.