Nick Woltemade durfte bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 erstmals in der 88. Minute des Sechzehntelfinales gegen Paraguay aufs Feld - es war sein einziger Einsatz im Turnier. Im Elfmeterschießen, das die DFB-Elf im Gillette Stadium in Foxborough mit 5:6 verlor, trat der 24-jährige Newcastle-Stürmer als dritter deutscher Schütze an. Sein Schuss blieb halbhoch, schlecht platziert; Torhüter Orlando Gill parierte mühelos. Damit endete für Woltemade ein DFB-Turnier, an dem er drei Wochen lang nicht teilgenommen hatte - bis zu den letzten Sekunden.
ZDF-Expertin Fritzy Kromp wählte für den Auftritt deutliche Worte. „Man hat ihn gefühlt gekillt. Der Trainer mit seinen Entscheidungen“, sagte Kromp in der Live-Übertragung. Woltemade habe in den drei Vorrundenspielen gegen Curaçao, die Elfenbeinküste und Ecuador keine einzige Minute gespielt - und werde dann ausgerechnet im Elfmeterschießen herangezogen, ohne Spielrhythmus, ohne Selbstvertrauen. „Jetzt brauchst du ihn - und dann funktioniert er nicht“, sagte Kromp. „Das macht mich sprachlos.“ Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte vor dem Turnier noch versprochen, der Stürmer werde in das Mannschaftsgefüge eingearbeitet. „Nick soll sich keine Sorgen machen“, hatte er im Mai gesagt.
Man hat ihn gefühlt gekillt. Der Trainer mit seinen Entscheidungen. Jetzt brauchst du ihn - und dann funktioniert er nicht.
Vom Wunschspieler zur Nummer drei
Woltemade war beim DFB einmal zentraler. In der WM-Qualifikation hatte der Stürmer vier Treffer beigesteuert. Nagelsmann holte ihn am 21. Mai 2026 in den vorläufigen Kader, im endgültigen XXL-Aufgebot von 26 Spielern blieb er drin - rechnerisch als dritte Spitze hinter Kai Havertz und Deniz Undav. Der wirtschaftliche Sommer 2025 hatte ihn bereits geprägt: Statt wie erwartet zu Bayern München zu wechseln - der VfB Stuttgart hatte mehrere Angebote über 60 Millionen Euro abgelehnt -, nahm Woltemade ein 75-Millionen-Euro-Angebot von Newcastle United an. Im Premier-League-Alltag traf er anfangs vier Mal in fünf Spielen, geriet dann aber unter Trainer Eddie Howe in defensive Aushilfsrollen und blieb für lange Phasen ohne Tor. Im Stern-Interview vor der WM beschrieb er die Newcastle-Saison so: „Bei Newcastle war es so, dass ich auf anderen Positionen ausgeholfen habe.“
Nagelsmanns interne Begründung für die Bank-Rolle war taktischer Natur. „Er ist kein klassischer Konterstürmer und tut sich schwer, wenn er es 70 Meter bis zum Tor hat“, sagte der Bundestrainer im Juni gegenüber der Stuttgarter Stimme. In den Gruppenspielen setzte Nagelsmann auf Undav als Joker, weil dieser kompakter pressen und Bälle festmachen sollte. Woltemade selbst hatte die Situation öffentlich gefasst kommentiert: „Ich arbeite hart für meine Chance“, sagte er der absolutfussball.com-Redaktion vor dem Turnier, „und will mich nicht von Frust über die Bankrolle leiten lassen.“
Symbolfigur eines Aus, das nicht nur einer trägt
Die Schlussszene macht Woltemade zur Symbolfigur eines Turniers, in dem die DFB-Elf wenig Antworten fand. Aber er ist nicht der einzige, der scheiterte: Auch Havertz schoss als erster Schütze daneben, Jonathan Tah jagte den fünften Strafstoß über die Latte. Der Befund wiegt nach dem dritten WM-Aus in Folge - Vorrunde 2018, Vorrunde 2022, Sechzehntelfinale 2026 - schwerer als das Verschulden einzelner. Trotzdem dürfte Woltemades Beispiel den Mai-Versprechen Nagelsmanns nachhängen. Die Frage, ob ein nominell dritter Stürmer ohne Spielzeit zum entscheidenden Elfmeter taugen kann, hat der Bundestrainer in Foxborough mit „Ja“ beantwortet - und die Realität hat in der Sekunde widersprochen.