Die US-Kabelmarke Investigation Discovery bringt am 30. September eine dreiteilige Dokumentation über Aileen Wuornos - jene Frau, die zwischen 1989 und 1990 in Florida sieben Männer erschoss und 2002 hingerichtet wurde. „Unmasking a Monster: Aileen Wuornos“ läuft an dem Mittwoch von 20 bis 23 Uhr ET auf ID und wird anschließend auf HBO Max verfügbar sein, wie das deutsche Branchenmagazin Quotenmeter berichtet. In Deutschland ist HBO Max seit dem 13. Januar 2026 gestartet - der Zeitpunkt ist also unmittelbar relevant für hiesige True-Crime-Zuschauer.

Der zentrale Kniff der Produktion: Wuornos wird digital rekonstruiert. Ein VFX-Team hat drei Jahre lang mit der Schauspielerin Morag Peacock gefilmt, die Stimme und Bewegungen liefert; darüber wird per KI-gestützter Digitalmaske das Gesicht der 2002 Verstorbenen gelegt. Die Serie beruht laut Produktionsangaben ausschließlich auf verifizierten Gerichtsprotokollen, Beweismitteln und Aussagen der damaligen Ermittler. Zu Wort kommen unter anderem die Detektive David Taylor und Brian Jarvis sowie Lieutenant Mike Joyner, der Wuornos 1991 verdeckt festnahm.

„Durch modernste Technologie im True-Crime-Genre vertiefen wir das Verständnis des Publikums für reale Ereignisse völlig neu“, erklärt ID-Präsident Jason Sarlanis den Ansatz. Produziert wird die Serie von Fremantle - der Produktionsfirma der RTL Group - für den zum Warner-Bros.-Discovery-Konzern gehörenden Kabelsender. In Deutschland kommt „Unmasking a Monster“ nach der US-Ausstrahlung in den HBO-Max-Katalog, der bei Warner Bros. Discovery Deutschland ab 5,99 Euro monatlich mit Werbung startet und als Bundle mit RTL+ vertrieben wird.

Popkultureller Doppelschlag mit Netflix

Die ID-Doku fällt in einen Herbst, in dem Wuornos ohnehin in die Popkultur zurückkehrt. Netflix veröffentlichte am 17. September die vierte Staffel der Anthologie „Monster“, diesmal um den Doppelmord an Andrew und Abby Borden in Fall River von 1892 - und Sarah Paulson tritt darin als Wuornos in einer Nebenhandlung auf. Deutsche Publikationen wie Joyn und TV Movie weisen allerdings darauf hin, dass die Verknüpfung zwischen Borden und Wuornos in der Netflix-Serie erzählerisch erfunden ist. Serien-Autor Ian Brennan begründete die Konstruktion gegenüber dem US-Magazin „People“ damit, einen Kontrast zwischen weiblicher Gewalt im 19. Jahrhundert und heute setzen zu wollen.

Es gibt keine Nachweise, dass sich Aileen Wuornos jemals mit Lizzie Borden beschäftigt hat.
- Nicola Schiller, Joyn

Während Netflix' „Monster“ mit Ella Beatty in der Hauptrolle und Ryan-Murphy-Handschrift auf Prestige-Cast setzt und in der deutschsprachigen Kritik gespalten aufgenommen wurde, positioniert sich die ID-Doku als nüchtern-journalistisch. Der biografische Kern bleibt bei beiden Produktionen identisch: Wuornos wurde am 29. Februar 1956 in Michigan geboren, wuchs unter Missbrauch und Gewalt auf und lebte spätestens als Jugendliche in der Prostitution. Ihre erste Tat 1989 - der Mord an dem 51-jährigen Richard Mallory - erklärte sie im Prozess als Selbstverteidigung nach einer Vergewaltigung. Dass Mallory tatsächlich wegen einer schweren Sexualstraftat vorbestraft war, wurde erst 1992 durch investigative Recherchen bekannt, wie das Portal Web.de in einer Retrospektive aufarbeitet.

Zwischen Ikone und Ausbeutung

Verurteilt wurde Wuornos in Florida zum Tod; die Hinrichtung erfolgte am 9. Oktober 2002 um 9:47 Uhr durch Giftinjektion. Bereits während der Prozesse machten Boulevardmedien sie zur „ersten weiblichen Serienmörderin“ - eine Zuschreibung, die kriminologisch fragwürdig ist, aber marketingtauglich blieb. Charlize Theron gewann 2004 den Oscar für die Verkörperung in Patty Jenkins' „Monster“, seither ist Wuornos wiederkehrender Stoff für Doku- und Spielfilme.

Ob die dreistündige HBO-Max-Rekonstruktion neue Erkenntnisse liefert oder den Vermarktungszyklus fortsetzt, wird sich mit dem Start am Mittwoch entscheiden. Der technische Ansatz - eine Verstorbene per KI-Digitalmaske auf einer lebenden Darstellerin zu re-animieren - dürfte in jedem Fall die ethische Debatte über True-Crime-Formate weiter anheizen.