Berlin verliert sein wichtigstes Jazzfestival in seiner gewohnten Form. Das XJAZZ! Festival, 2014 in Kreuzberg gegründet und mehrfach von Fachjurys als eines der wichtigsten deutschen Jazzfestivals ausgezeichnet, startet am Donnerstag nicht wie geplant mit rund 60 Konzerten, sondern als viertägiger „Weekender“ mit einem Bruchteil des ursprünglichen Programms. Hintergrund ist ein Förderstreit mit der Berliner Kulturverwaltung: Eine im Dezember 2025 zugesagte sechsstellige Förderung wurde wenige Wochen vor dem Termin nicht ausgezahlt.

Festivalleiter Sebastian Studnitzky hatte die zwölfte Ausgabe Anfang März abgesagt, nachdem die Kulturverwaltung ihm laut einem Bericht des Branchenmagazins jazzthing am 10. Februar 2026 mündlich mitgeteilt hatte, dass die Mittel 2026 nicht fließen würden. Eine schriftliche Begründung oder Rechtsbehelfsbelehrung habe es nicht gegeben. Statt das Festival komplett zu beerdigen, zogen Studnitzky und sein Team den Weekender aus dem Hut: vier Tage, kleinere Spielorte, deutlich kürzere Künstlerliste.

Wir haben dieses Festival aus dem Nichts aufgebaut, mit privatem Geld und ohne Gehalt. Eine Bundesjury hat es zum besten Festival Deutschlands gewählt. Und jetzt stehen wir vor dem Aus, weil das Fördersystem nicht funktioniert.
- Sebastian Studnitzky, XJAZZ!-Gründer, gegenüber jazz-fun.de

Auf dem Spiel steht mehr als ein verlorenes Festivaljahr. Nach Recherche des Tagesspiegel kommt das XJAZZ! jährlich auf einen Etat von rund 500.000 Euro, davon 200.000 Euro Berliner Förderung; die Veranstalter sollen über die Jahre rund 125.000 Euro privat in die Reihe gesteckt haben. Für die abgesagte Ausgabe waren laut jazzthing bereits rund 50.000 Euro ausgegeben, hinzu kommt eine umstrittene Rückforderung von rund 20.000 Euro aus dem Förderjahr 2024. Senatssprecher Daniel Bartsch verwies gegenüber dem Tagesspiegel auf „nennenswerte, bislang nicht erstattete Rückforderungen“, die ein „rechtskonformes Ausreichen von Fördermitteln“ verhindert hätten.

Vier Tage Notbetrieb in Kreuzberg

Von Donnerstag bis Sonntag bespielt das XJAZZ!-Team unter anderem den Festsaal Kreuzberg, die Emmauskirche und den Sonnenraum auf dem Arena-Gelände. Den Auftakt am Donnerstag bilden der britische Pianist Kit Downes und die französische Flötistin Delphine Joussein in der Emmauskirche; am Freitag übernimmt das Berliner Radioprojekt Refuge Worldwide den Festsaal mit DJ-Sets und Live-Acts. Am Samstag treten die Sängerin Charlotte Colace und das Moses Yoofee Trio auf, zum Abschluss am Sonntag ist eine Hommage an den ghanaischen Highlife-Gitarristen Ebo Taylor angekündigt. „Eine komplette Absage hätte das Ende von XJAZZ! bedeutet“, begründete Studnitzky den Schritt im Gespräch mit BerlinEcho.

Strukturkritik an der Kulturverwaltung

Studnitzky knüpft an die Notausgabe eine grundsätzliche Kritik am Berliner Fördersystem. Die Kulturverwaltung beginne erst zu Jahresbeginn mit der Bearbeitung der Anträge, Bewilligungen kämen oft kurz vor dem Festival - bei Veranstaltungen, die im Frühjahr stattfinden, sei das strukturell unmöglich. Anstelle projektbezogener Einzelförderung plädiert das Festival für flexible Pauschalmodelle, wie sie etwa die bundesweite Initiative Musik nutzt. Die amtierende Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson, deren Vorgänger Joe Chialo (CDU) das Festival im Dezember 2023 erstmals als eigenen Haushaltstitel verankert hatte, hat zugesagt, die Förderung für 2027 bis zum Herbst dieses Jahres zu bestätigen. Das volle XJAZZ! soll dann im Mai 2027 zurückkehren.