Yayoi Kusama ist tot. Die japanische Avantgarde-Künstlerin, weltweit bekannt für ihre Polka Dots, ihre Kürbis-Skulpturen und ihre begehbaren Spiegelräume, starb bereits am 14. August in einem Krankenhaus in Tokio. Ihr Tod wurde erst jetzt öffentlich gemacht. Kusama wurde 97 Jahre alt. Als Todesursache nannte die japanische Nachrichtenagentur Kyodo Multiorganversagen.
Die Meldung erreichte die Kunstwelt nur wenige Wochen nach dem Ende der bislang erfolgreichsten Kusama-Schau in Deutschland: Die Retrospektive im Kölner Museum Ludwig, die am 2. August zu Ende ging, zog nach Angaben des Hauses mehr als 450.000 Besucherinnen und Besucher an und war damit die publikumsstärkste Ausstellung in der Geschichte des Museums. Gezeigt wurden rund 300 Arbeiten aus sieben Jahrzehnten, von frühen Zeichnungen bis zu einem eigens in Auftrag gegebenen Infinity Mirror Room. Ab dem 11. September übernimmt das Stedelijk Museum in Amsterdam die Retrospektive.
Kusama, 1929 im zentraljapanischen Matsumoto geboren, litt nach eigenen Angaben seit ihrer Kindheit an Depressionen und optischen Halluzinationen. „So zeichnete sie, wie sie die Welt sah - übersät mit Flecken, die Teil der Halluzinationen waren, die sie seit ihrer Kindheit erlebte“, beschrieb es die Deutsche Presse-Agentur in ihrem Nachruf. Aus dieser Wahrnehmung entstand ihr Markenzeichen: die endlos wiederholten Punkte, mit denen sie Leinwände, Räume, Kürbisse und ganze Fassaden überzog.
Durch die Zeit zu rasen bis zum Tode und dann ewig weiterzuleben in schöner Liebe für den Ruhm der Menschheit: Das ist das höchste Ziel meiner Kunst.
Von New York in die psychiatrische Klinik
Ihren internationalen Durchbruch erlebte Kusama Ende der 1950er Jahre in New York. Zwischen 1958 und 1972 lebte sie überwiegend dort, organisierte politisch aufgeladene Happenings und Performances und bewegte sich im Umfeld von Andy Warhol und Donald Judd. 1968 sorgte sie mit einem offenen Brief an US-Präsident Richard Nixon für Aufsehen, in dem sie ihm anbot, mit ihr intim zu werden, wenn er im Gegenzug den Vietnamkrieg beende. Seit 1977 lebte sie freiwillig in einer psychiatrischen Klinik im Tokioter Stadtteil Shinjuku und arbeitete täglich in einem gegenüberliegenden Atelier.
Wirtschaftlich zählte Kusama zuletzt zu den bestverkauften lebenden Künstlerinnen der Welt. Ihre Werke erzielten bei Auktionen zweistellige Millionenbeträge, ihre Infinity Mirror Rooms zogen weltweit Schlangen vor die Museen. Kooperationen mit Louis Vuitton machten ihren Namen auch außerhalb des Kunstbetriebs populär, zuletzt mit einer 2023 gestarteten Kollektion, die international beworben wurde.
Museum Ludwig würdigt Ausnahmekarriere
Das Museum Ludwig hatte die Kölner Retrospektive gemeinsam mit der Fondation Beyeler in Basel und dem Stedelijk Museum Amsterdam als europäische Kooperation konzipiert. Kuratorisch spannte die Schau den Bogen von einer frühen Zeichnung aus den 1930er Jahren bis zu einer eigens für die Tournee produzierten Rauminstallation. Für die Amsterdamer Station, die vom 11. September bis zum 17. Januar 2027 läuft, wird sie nun zur ersten großen Retrospektive nach Kusamas Tod.
Kusama hinterlässt ein Werk, das Pop-Art, Minimalismus und die Sprache der psychischen Erfahrung verbindet. Sie habe „bis zuletzt gemalt“, berichtete die Deutsche Presse-Agentur unter Berufung auf ihr Umfeld. Für die Nachwelt bleiben Räume, in denen sich der Blick in scheinbar unendliche Punktfelder verliert - und die Frage, wie viele Künstlerinnen ihres Jahrhunderts es geschafft haben, ihre Krankheit in eine derart eigene Bildsprache zu übersetzen.