Einen Tag nach seinem ersten Grand-Slam-Titel sitzt Alexander Zverev im Auto auf dem Weg zum Fototermin am Eiffelturm. Neben ihm: Quentin Moynet, Reporter der französischen Sporttageszeitung L'Equipe. Ein gutes Dutzend Fragen läuft routiniert: die durchwachte Siegesnacht, mögliche Vorbildwirkung für Kinder mit Diabetes, der Wunsch, noch zehn Jahre auf der Tour zu spielen. Dann lenkt Moynet auf einen Zwischenruf eines Zuschauers bei den US Open 2025, der die alten Anschuldigungen der Ex-Partnerinnen Olga Sharypova und Brenda Patea aufgerufen hatte. Zverev verzieht das Gesicht.
„Moment, zunächst mal ist es nicht diese Art von Interview", entgegnet der 29-Jährige laut der von L'Equipe am 9. Juni veröffentlichten Mitschrift. „Und außerdem weißt du, dass die Anschuldigungen für falsch befunden wurden?" Moynet fragt nach Zverevs nächsten Turnierterminen. Der French-Open-Sieger antwortet nicht mehr darauf. „Ich denke, wir sollten aufhören", sagt er. „Das ist besser." Damit endet das Gespräch, wie der Tagesspiegel und die Stuttgarter Zeitung übereinstimmend berichten.
Ich habe alles getan, was ich konnte und meine Unschuld wurde bewiesen.
Der Hintergrund liegt seit fast zwei Jahren in den Akten: Ein Berliner Strafverfahren wegen Körperverletzungsvorwürfen einer Ex-Partnerin wurde im Juli 2024 gegen eine Geldauflage von 200.000 Euro eingestellt, ohne dass ein Urteil oder ein Schuldeingeständnis erfolgte. Eine zweite Ex-Partnerin hatte ebenfalls Vorwürfe häuslicher Gewalt erhoben; Zverev wies sie zurück, ein Verfahren kam nicht zustande. L'Equipe begründete den Wechsel des Themas mit dem Hinweis auf eine wahrnehmbare Distanz von Teilen des Publikums gegenüber dem Hamburger, wie das Blatt in der Mitschrift schreibt.
Becker fragt nach - und kassiert Gegenwind
Zur Aufmerksamkeit beigetragen hat auch die Entscheidung von L'Equipe, Zverev am Montag nicht auf die Titelseite zu heben, obwohl er einen Tag zuvor seinen ersten Grand-Slam-Titel geholt hatte. Boris Becker reagierte darauf auf der Plattform X mit der Frage „But why?", wie tennis365 berichtet. Die Antwort der Community fiel deutlich aus: Becker werde Ignoranz vorgeworfen, die Vorwürfe gegen Zverev seien für die Tennis-Öffentlichkeit kein Randthema. Becker selbst hat sich danach nicht weiter erklärt.
Sportlich geht es für Zverev nach der Pariser Woche nahtlos weiter. Den Start beim Rasen-Vorbereitungsturnier in Stuttgart hatte er bereits vor dem Halbfinale abgesagt, um sich auf das Endspiel zu konzentrieren. In der kommenden Woche, vom 15. bis 21. Juni, will er beim ATP-500-Turnier in Halle/Westfalen auflaufen, der einzigen Rasen-Station vor Wimbledon. Im All England Club rückt der Hamburger nach der Absage von Carlos Alcaraz auf die Setzliste an Position zwei vor - hinter Topgesetzten Jannik Sinner.
Das Pariser Interview dürfte ihn dort allerdings begleiten. Solange der sportliche Aufstieg weitergeht, wird auch die Frage nach dem Umgang des Spielers mit den Vorwürfen weitergestellt werden - in Halle, in Wimbledon, bei den US Open. Der Berliner Vergleich von 2024 schließt die juristische Akte, nicht die öffentliche Debatte.