Wie wir am Sonntag berichteten, hat Alexander Zverev in New York seinen zweiten Grand-Slam-Titel des Jahres geholt. Zwei Tage später verschiebt der Sieg über Ben Shelton auch die ATP-Weltrangliste: Zverev steht mit 9690 Punkten weiter auf Rang zwei, der Abstand zu Jannik Sinner ist aber auf 1810 Zähler geschmolzen. Im Race to Turin, der reinen Jahreswertung, hat der Hamburger den Italiener sogar überholt - 8650 Punkte zu 7950, wie die ATP am Montag mitteilte.

Sinner hatte die US Open verletzungsbedingt ausgelassen und in New York keine Punkte verteidigt. Für die Weltrangliste ist das doppelt teuer: Der Titelverteidiger von 2025 verliert die 2000 Zähler seines Vorjahressiegs, während Zverev sie gutgeschrieben bekommt. Der Rest des Kalenders liest sich für den Deutschen ebenso günstig. Nach Zahlen von sport1.de muss Sinner bis Jahresende 3500 Punkte verteidigen - Beijing ab dem 30. September, Wien ab dem 26. Oktober, den Paris-Masters ab dem 2. November und die ATP Finals in Turin ab dem 15. November. Zverev hat aus denselben Turnieren nur 1080 Punkte im Konto, die er halten muss.

Zverev selbst wich nach dem Finale der Frage aus, ob er nun der beste Spieler der Welt sei. „Ich weiß nicht, wie ich darauf antworten soll. Weil Jannik verletzt ist und Carlos vier Monate verletzt war, würde ich jetzt Ja sagen. Wären beide fit, vielleicht nicht“, sagte der 29-Jährige im Interviewraum in Flushing Meadows. „Ich denke, Jannik ist immer noch der Beste.“ Die Bescheidenheit passt zur Statistik: Sinner führt die offizielle Wertung seit 68 Wochen an, Zverev war zuletzt 2022 kurzzeitig an der Spitze im Gespräch.

Das ist für mich die Szene des Jahres.
- Boris Becker über Zverevs Reaktion nach dem Matchball, Sport1

Becker sieht die Ablösung kommen

Boris Becker, der 1991 als bislang einziger Deutscher zwölf Wochen lang die Weltrangliste anführte, hält Zverevs Sprung nach oben für nur eine Frage der Zeit, wie er im Sport1-Podcast erklärte. Er rechnete vor, dass Zverev mit zwei Grand-Slam-Titeln in einer Saison die Marke geknackt hat, die zuvor bei den deutschen Herren nur er selbst erreicht habe. Zverev wiederum verwies auf sein Team: „Wir haben fast 30 Jahre keinen Grand Slam gewonnen und jetzt zwei in drei Monaten. Ich bin sehr stolz auf meine Familie.“

Die Verschiebung an der Spitze zieht sich durch das gesamte Ranking. Ben Shelton legt nach seinem Finaleinzug 1200 Punkte zu und rückt auf Position vier vor. Novak Djokovic rutscht nach dem Erstrunden-Aus in New York erstmals seit 2018 aus den Top Ten, wie Eurosport unter Berufung auf die ATP-Zahlen berichtet - der 39-Jährige steht nun auf Rang zwölf mit 2980 Punkten. Carlos Alcaraz, in den vergangenen Monaten mehrfach verletzt, hält Rang drei mit 5560 Zählern.

Entscheidung fällt in Turin

Beide Kandidaten für die Jahresendspitze haben ihre Startplätze für die ATP Finals bereits sicher. Vom 15. bis 22. November treffen sich die acht besten Spieler der Saison in Turin. Sollte Zverev seinen Vorsprung im Race halten und im Herbst nicht patzen, könnte die Entscheidung erst im Halbfinale oder im Endspiel der Finals fallen. Sinner müsste dort mindestens ins Halbfinale kommen, um den Titelverteidigerbonus des Vorjahres zu wahren. Für den deutschen Tennisverband wäre die Ablösung Sinners historisch: Nach Becker gab es keinen deutschen Herren mehr an der Spitze der Weltrangliste.

Sein erstes Turnier nach New York bestreitet Zverev in Peking. Der Turnierstart in China ist auf den 30. September terminiert, die Auslosung folgt in den kommenden Tagen. Bis dahin bleibt Zeit für das, was ihm nach dem Titel in Flushing Meadows am wichtigsten schien - Familie, Ruhe, und der Blick auf einen Kalender, der ihn erstmals in seiner Karriere mit realistischer Aussicht auf die Nummer eins nach Turin führen könnte.