Auf dem AfD-Landesparteitag in Marl ist der Machtkampf zwischen NRW-Landeschef Martin Vincentz und der Bundesspitze um Alice Weidel und Tino Chrupalla am Freitag offen eskaliert. Nach mehreren gescheiterten Anläufen des Weidel-Lagers, den Parteitag abzubrechen und die Landesliste für die Landtagswahl neu aufsetzen zu lassen, verließen dessen Vertreter unter Protest den Saal. Der stellvertretende Landesvorsitzende Christian Zaum sprach laut t-online und Tagesspiegel von einem „Parteitag der Schande“. Der Vincentz-Flügel füllte die Landesliste bis Platz 34 im Eiltempo mit eigenen Kandidaten, die jeweils ohne Gegenkandidaten durchgewählt wurden.

Vincentz, seit 2022 Landeschef und im gemäßigten Lager verortet, hatte den Termin gegen den erklärten Willen der Bundesspitze durchgezogen. Weidel und Chrupalla hatten schriftlich eine Neuansetzung verlangt und Berichte über Drohungen gegen einzelne Delegierte angeführt. Die rund 500 Delegierten lehnten den Neuwahlantrag jedoch mit klarer Mehrheit ab. Vincentz reagierte scharf auf die Blockadetaktik der Gegenseite - mehr als 90 nominierte Kandidaten pro Listenplatz mit jeweils acht Minuten Redezeit - und nannte die „Operation Filibuster“ laut Rhein-Neckar-Zeitung eine „Sabotage“. Er werde seinen Kurs durchziehen, „selbst für den Fall, dass mich das meinen Kopf als Landessprecher kostet“.

Parteitag der Schande.
- Christian Zaum, stellvertretender NRW-Landesvorsitzender, laut Tagesspiegel

Machtprobe mit offener Rechnung

Der Bundesvorstand um Weidel prüft nach Berichten des Tagesspiegel und der Rhein-Neckar-Zeitung Konsequenzen bis hin zur Absetzung von Vincentz und des NRW-Landesvorstands, die frühestens am Montag verhandelt werden dürften. Der Streit ist mehr als ein Personalkonflikt: In Marl trafen zwei parteiinterne Lager aufeinander, die die AfD seit dem Bruch mit Björn Höcke prägen - ein am parlamentarischen Betrieb orientierter Flügel um Vincentz und ein Bundesspitzen-Kurs, der auf Kompromisslosigkeit und Kaderdisziplin setzt.

Für die Landtagswahl in NRW im Frühjahr kommenden Jahres hat der Ausgang unmittelbare Folgen: Die aussichtsreichen Listenplätze sind mit Vincentz-Getreuen besetzt, das Weidel-Lager blieb im Kandidatenrennen nach dem Auszug faktisch außen vor. Ob der Bundesvorstand die Liste anerkennt oder anficht, dürfte darüber entscheiden, wie sichtbar der Konflikt in den kommenden Monaten in Berlin ausgetragen wird.