Der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident Torsten Albig hat seine Partei zu einem Kurswechsel im Umgang mit der AfD aufgefordert. In einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung empfahl der SPD-Politiker am Samstag, sich in Bundesländern wie Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt auf von der AfD tolerierte Minderheitsregierungen einzulassen. „Wenn 30 Prozent diese Partei wählen, können wir nicht auf Dauer so tun, als wäre das die Ausgeburt der Hölle“, sagte der 62-Jährige der NOZ.
Albig, der von 2012 bis 2017 in Kiel regierte und sich nach der verlorenen Landtagswahl 2017 aus der Politik zurückgezogen hat, verwies dabei auf das dänische Modell. „Wahrscheinlich wäre es sogar einfacher, wenn wie in Dänemark Sozialdemokraten die Ersten wären, die auch mit den Rechtspopulisten bei bestimmten Themen zusammenarbeiten“, zitiert die NOZ den Ex-Ministerpräsidenten. Es gehe nicht um ideologische Nähe, sondern darum, frühere SPD-Wähler zurückzugewinnen, die zur AfD abgewandert seien. „Die deutsche Brandmauerdebatte verkennt, dass sich hinter der Mauer auch unsere alten Wählerinnen und Wähler befinden“, so Albig.
Wenn 30 Prozent diese Partei wählen, können wir nicht auf Dauer so tun, als wäre das die Ausgeburt der Hölle.
SPD-Spitzenpolitiker weisen Vorstoß zurück
Aus der SPD kam umgehend scharfer Widerspruch. NRW-Fraktionschef Jochen Ott, designierter Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2027, sagte laut t-online: „Ich weiß nicht, was ihn da reitet. Alles daran ist falsch und verheerend.“ Für Sozialdemokraten könne es „niemals eine Zusammenarbeit geben mit den ideologischen Nachfahren einer Partei, die uns verfolgt hat. Der Feind steht rechts.“ Berlins SPD-Chef Steffen Krach, der im September zur Wahl des Abgeordnetenhauses antritt, nannte die AfD „in vielerlei Hinsicht rechtsextrem“ und sagte, sie wolle „unsere Demokratie zerstören“ - es gebe „null gemeinsamen Nenner“. Aus Mecklenburg-Vorpommern, dem von Albig als Beispiel angeführten Bundesland, meldete sich Fraktionschef Julian Barlen mit einer persönlichen Spitze: „Wer Lobbyist für Tabakkonzerne ist, hat offenbar kein Problem damit, für giftige Ideen zu werben.“ Albig arbeitet seit 2023 als Cheflobbyist von Philip Morris in Deutschland.
AfD nimmt den Steilpass dankbar an
Bei der AfD wurde der Vorstoß als willkommene Bestätigung gelesen. Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Fraktion, Bernd Baumann, sagte dem Handelsblatt, der Wählerwille zwinge Parteien zur Korrektur - Albig habe verstanden, dass es höchste Zeit sei, dies auch in der SPD anzuerkennen. Auch BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht stieß ins gleiche Horn und nannte die Brandmauer „Brandstiftung“, weil 30 oder 40 Prozent der Wähler dauerhaft auszuschließen schlicht undemokratisch sei.
Die Debatte fällt in eine politisch heikle Phase: Im Herbst 2026 wird in Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen-Anhalt neu gewählt, in beiden Ländern führt die AfD in Umfragen. Manuela Schwesig, die Albig in seinem Vorschlag als mögliche Anführerin einer Minderheitsregierung ins Spiel brachte, hat eine Zusammenarbeit mit der AfD stets ausgeschlossen. Eine Reaktion aus dem Willy-Brandt-Haus lag am Samstagabend zunächst nicht vor.