Der Paritätische Gesamtverband hat am Dienstag in Berlin seinen Armutsbericht 2026 vorgelegt - und meldet einen Höchststand. 13,3 Millionen Menschen in Deutschland gelten als arm, die Armutsquote stieg 2025 auf 16,1 Prozent. Das ist der höchste Wert seit 2020 und damit ein klarer Rückschlag nach dem zwischenzeitlichen Rückgang auf 14,4 Prozent im Jahr 2023.
Den Bericht stellte der Verband unter den Titel „Wachsende Armut, schrumpfende Sicherheit“. Hauptgeschäftsführer Joachim Rock verband die Zahlen mit einer scharfen Warnung an die Bundesregierung. „Jetzt immer neue Kürzungen zu diskutieren, schürt Angst und Unsicherheit“, sagte Rock laut Tagesspiegel. Der Verband sehe „eine Gesellschaft, die sozial weiter auseinanderdriftet“.
Jetzt immer neue Kürzungen zu diskutieren, schürt Angst und Unsicherheit.
Rentnerinnen, Alleinerziehende, junge Erwachsene
Die Zahlen brechen entlang vertrauter Linien auseinander. Unter den über 65-Jährigen liegt die Armutsquote bei 19,5 Prozent, bei Frauen über 75 Jahren bei 21,3 Prozent. Alleinlebende sind zu 30,3 Prozent betroffen, Alleinerziehende zu 28,9 Prozent. Die taz hebt hervor, dass 1,8 Millionen Menschen trotz Vollzeitjob als arm gelten und dass die Armutsquote bei den 18- bis 25-Jährigen auf 24,8 Prozent gestiegen ist - fast jeder vierte junge Erwachsene.
4,6 Millionen Menschen erleben dem Bericht zufolge erhebliche materielle Entbehrung; rund eine Million Kinder und Jugendliche leben in dieser Härte. 650.000 Rentnerinnen und Rentner können laut Paritätischem ihre Grundkosten nicht decken. Regional verschärft sich die Spaltung weiter: In Bremen liegt die Quote bei 27,5 Prozent, in Sachsen-Anhalt bei 21,3 Prozent, in Hamburg bei 18,9 Prozent. Am unteren Ende stehen Bayern mit 12,6 Prozent und Baden-Württemberg mit 13,2 Prozent. Der Abstand zwischen dem ärmsten und dem reichsten Bundesland wuchs binnen zwei Jahren von 14,1 auf 14,9 Prozentpunkte.
Streit um Wohngeld und Krankenkasse
Politisch zielt der Bericht direkt auf das Sparprogramm der Regierung Merz. Der Paritätische fordert einen Stopp der geplanten Einschnitte bei Wohngeld, Kinderzuschlag, Jugendhilfe, Eingliederungshilfe sowie bei Renten- und Krankenversicherung. Besonders das angekündigte 16-Milliarden-Sparpaket von Gesundheitsministerin Nina Warken, das höhere Zuzahlungen bei Medikamenten und Einschränkungen der Familienversicherung vorsieht, gilt dem Verband als Risikofaktor.
Auch aus der Koalition kommt Zurückhaltung. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf sagte gegenüber der Wirtschaftswoche: „Es geht uns ganz stark darum, dass vor allen Dingen die Patientinnen und Patienten, die Versicherten, am Ende nicht die Hauptlast tragen.“ Aus dem Bundeskanzleramt gab es zunächst keine Reaktion auf den Bericht. Der Paritätische verweist darauf, dass das Statistische Bundesamt die zentralen Einkommensdaten bereits im Februar veröffentlicht hatte - der Befund war also bekannt, die politische Antwort steht aus.