Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft hat am Sonntag neue Details zur Vorgeschichte des mutmaßlichen Attentäters vom Berliner CSD öffentlich gemacht. Abdul Ballout, der am Samstagabend mit einem Kleinbus in die Menschenmenge am Tiergarten fuhr, soll im Jahr 2025 mehrfach versucht haben, sich dem sogenannten Islamischen Staat anzuschließen. Ein erster Versuch führte über die Türkei nach Mauretanien und scheiterte. Anschließend reiste er erneut über die Türkei, diesmal in den Libanon, „um von dort aus nach Syrien zu gelangen und sich dem IS anzuschließen“, wie die Behörde in einer Mitteilung zitiert, die t-online und dem Tagesspiegel vorliegt.

Am 24. Juli 2025 - fast genau ein Jahr vor dem Anschlag - wurde Ballout im Libanon festgenommen. Ein Militärgericht in Beirut verurteilte ihn nach Angaben der Berliner Ermittler „unter anderem wegen Anstiftung zu religiösen und konfessionellen Konflikten“ zu einer Haftstrafe von drei Monaten. Nach der Verbüßung kehrte er am 17. November 2025 nach Deutschland zurück. Am Flughafen Berlin Brandenburg wurde er auf Grundlage eines bestehenden Haftbefehls sofort festgenommen und in Untersuchungshaft überstellt. Im Libanon soll er den Ermittlern zufolge zu mehreren Personen Kontakt gehabt haben, die er selbst für IS-Mitglieder gehalten habe.

In Deutschland folgte das Verfahren wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat nach § 89a Strafgesetzbuch. Die Generalstaatsanwaltschaft hatte laut Legal Tribune Online rund drei Jahre Jugendstrafe beantragt, das Amtsgericht Tiergarten sprach am 12. Mai 2026 ein Jahr und zehn Monate aus - und setzte die Strafe zunächst nicht in Vollzug. Ballout kam frei. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe hat das Verfahren zum Anschlag am Sonntag an sich gezogen, wie Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) mitteilte.

Beratungsstelle sah einen „sehr kontrollierten“ jungen Mann

Nach der Haftentlassung war Ballout an die Berliner Extremismuspräventionsstelle „Violence Prevention Network“ angebunden. Deren Vorstand Thomas Mücke schilderte im rbb, die Beraterinnen und Berater hätten einen „sehr besonnenen, sehr vorsichtigen, sehr kontrollierten, sehr freundlichen Eindruck“ von dem 21-Jährigen gehabt. Genau diese Zurückhaltung mache die Arbeit mit solchen Klienten schwer: „Wenn Menschen sich uns gegenüber komplett kontrolliert verhalten, dann kommt man nur schwer an sie heran.“ Der nächste vereinbarte Termin bei der Beratungsstelle sei für den Montag nach dem Anschlag angesetzt gewesen.

Ballouts Vater Tawfik B., 64, schilderte dem Spiegel ein Telefonat mit seinem Sohn wenige Stunden vor der Tat. „Er hat mich angerufen und wir haben ganz normal gesprochen, wie jeden Tag. Er sagte, dass er mich vermisst und sich wünschte, jetzt bei uns im Libanon zu sein“, wird der Vater in der Berliner Zeitung Tagesspiegel zitiert. Die Familie stamme aus dem schiitisch geprägten Süden des Landes; er selbst lehne den IS ab. Sein Sohn habe sich aber zunehmend an sunnitischen Zirkeln orientiert.

Wenn Menschen sich uns gegenüber komplett kontrolliert verhalten, dann kommt man nur schwer an sie heran.
- Thomas Mücke, Vorstand Violence Prevention Network, im rbb

Die im Mai ausgesprochene Bewährungslösung des Amtsgerichts steht seit Sonntag im Zentrum einer politischen Debatte. Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sagte der rbb-Abendschau, ihm fehlten „die Worte“. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte an, die Bewährungspraxis bei Gefährdern zu überprüfen. Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft hatte gegen das Urteil Berufung eingelegt - rechtskräftig war es zum Zeitpunkt des Anschlags nicht. Verhandelt wird es nicht mehr: Ballout wurde am Sonntagabend beim SEK-Zugriff in einer Kleingartenanlage in Berlin-Spandau erschossen.