„Wir reden hier über eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagte Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) am Montagmittag in Berlin bei der Vorstellung des Nationalen Bildungsberichts. Acht Prozent eines Jahrgangs verlassen die Schule ohne Abschluss - ein Zehn-Jahres-Hoch, das die Ministerin als „nicht hinnehmbar“ bezeichnete.
Konkret bedeutet das: Rund 62.000 Jugendliche im Schuljahr 2023/2024 ohne mindestens einen Hauptschulabschluss, wie der Tagesspiegel auf Basis der Berichtsdaten ausweist. Im Vorjahr waren es 56.000. Die Abbrecherquote ist binnen zehn Jahren von 5,5 auf 7,8 Prozent gestiegen.
Der alle zwei Jahre erscheinende Bericht „Bildung in Deutschland 2026“ wurde von der Autorengruppe um Kai Maaz vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung gemeinsam mit Prien und der Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) präsentiert. Sein Schwerpunktkapitel widmet sich der Verbindung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg - jener Verbindung, die laut Bericht über alle Bildungsstufen hinweg zu eng geblieben ist.
Die Bildungsschere ist zu, wenn ein Kind auf die Welt kommt, und sie öffnet sich dann bis zur Einschulung.
Lehrkräftemangel und Kompetenzlücken
Maaz beschrieb die Lage am Pult drastisch: „Das Bildungssystem steht heute vor diversen Herausforderungen, die sich überlagern und gegenseitig verstärken.“ Zu viele junge Menschen erreichten grundlegende Kompetenzziele nicht. Der Bericht stützt das mit Zahlen: Fast ein Viertel der Schülerinnen und Schüler, die mindestens einen mittleren Abschluss anstreben, verfehlte 2024 den Mindeststandard in Mathematik. Mehr als 40 Prozent der Achtklässler werden als computer- und informationskompetenzschwach eingestuft.
Parallel hat sich der Anteil der Lehrkräfte ohne anerkannte Lehramtsqualifikation in den Schulen nahezu verdoppelt. Insgesamt arbeiteten 2024 rund 2,9 Millionen Menschen im formalen Bildungssystem, etwa 21 Prozent mehr als 2014 - die Lücken bleiben trotzdem. „Der Fachkräftemangel ist kein reines Mengenproblem“, sagte Maaz gegenüber der Hasepost. Es gehe ebenso um Qualifikation, langfristige Bindung und den effektiven Einsatz der vorhandenen Kräfte.
Die Schere beginnt vor der Kita
Erstmals seit Jahren sinkt die Zahl der unter Dreijährigen, die einen Kita-Platz besuchen - eine Folge des Geburtenknicks. Der soziale Abstand bleibt. Nur 18 Prozent der Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss kommen vor dem dritten Geburtstag in eine Kita; bei Eltern mit hohem Abschluss sind es 38 Prozent.
Bund und Länder haben in den vergangenen zwei Jahren laut Bericht 360 Maßnahmen gegen Bildungsungleichheit aufgelegt - 347 in den Ländern, 13 auf Bundesebene. Die Befunde zeigen, dass sie das Grundmuster nicht aufgebrochen haben. In der beruflichen Bildung markierten 492.000 Berufsausbildungsabschlüsse 2024 einen Tiefststand. An den Hochschulen kommen inzwischen 29 Prozent der MINT-Master- und Doktorabschlüsse von internationalen Studierenden.
Der demografische Knick werde ab dem Schuljahr 2027/28 etwas Druck aus den Klassenzimmern nehmen, schreibt der Tagesspiegel; eine Entlastung des Systems erwarten die Autoren aber nicht - Ganztag, Inklusion und Integration bänden die freigewordenen Ressourcen umgehend wieder. Prien stellte klar, dass die Politik allein nicht ausreichen werde: „Schule allein wird diese große Herausforderung, die wir da zu stemmen haben, nicht lösen können.“