Die Bildungsministerkonferenz (BMK) hat sich am Freitag in München auf eine gemeinsame Erklärung zum Umgang mit Social Media im schulischen Bereich verständigt. Das achtseitige Papier, das ohne Gegenstimme verabschiedet wurde, formuliert keinen Mindestaltersrahmen und kein pauschales Handy-Verbot, sondern legt drei Handlungsfelder fest: sensibilisieren, stärken, schützen. „Ziel ist, Kinder und Jugendliche zu einem reflektierten, kritischen und sicheren Umgang mit sozialen Medien zu befähigen, ihre Medienkompetenz zu stärken und sie besser vor negativen Auswirkungen zu schützen“, sagte die amtierende BMK-Präsidentin Anna Stolz (Freie Wähler), zugleich bayerische Kultusministerin. Sie nannte das Papier eine „bundesweit getragene Antwort auf eine bundesweite Herausforderung“.
Die Erklärung folgt einer Häufung politischer Vorstöße: Im Februar 2026 hatte die SPD in einem Impulspapier ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 gefordert, einen Tag vor der BMK-Sitzung sprach sich der Deutsche Ethikrat in seiner Stellungnahme „Junge Menschen in digitalen Welten“ gegen eine pauschale Altersgrenze aus. Auch der Verweis nach Australien stand im Raum: Seit dem 10. Dezember 2025 dürfen Unter-16-Jährige dort keine eigenen Konten auf großen Plattformen mehr betreiben. Die BMK hat sich gegen ein vergleichbares Verbot entschieden und stattdessen auf Unterricht, Lehrkräftefortbildung und Elternarbeit gesetzt - das deckt sich mit dem Tenor der Stellungnahme des Ethikrats.
Wirtschaftsverband: zu unverbindlich
Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst nannte das Papier in einer Mitteilung am Freitagnachmittag „zu unverbindlich“. „Die Kultusministerkonferenz adressiert mit Kinder- und Jugendschutz sowie dem Umgang mit Social Media in der Schule ein herausragend wichtiges Thema“, sagte er, „bleibt aber zu unverbindlich. Schulen brauchen mehr als das nächste Empfehlungspapier - sie brauchen einen systematischen Ansatz, der Curriculum-Lücken bundesweit schließt.“ Bitkom verwies auf eine eigene Befragung aus dem Jahr 2025, nach der sich 23 Prozent der Eltern unsicher fühlten, ihren Kindern Medien- und Digitalkompetenz zu vermitteln. Medienbildung sei in Deutschland „zu oft dem Zufall überlassen“.
Die Kultusministerkonferenz adressiert ein herausragend wichtiges Thema, bleibt aber zu unverbindlich.
Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) begrüßte die Erklärung grundsätzlich, kritisierte aber das Tempo. Er forderte „klare Zeitpläne und Verantwortlichkeiten“ für die Umsetzung in den Ländern - die Erklärung verweist mehrfach auf bestehende Programme wie „Kompetent im Netz“, legt aber keinen Stichtag für eine bundesweite Curriculumsanpassung fest. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) kündigte zugleich für den 24. Juni die Ergebnisse einer von ihrem Haus eingesetzten Expertenkommission an, die rund 50 Empfehlungen für Schulen, Eltern, Kitas und Mediziner zur Mediennutzung Jugendlicher vorlegen soll. Prien sagte am Rande der Sitzung gegenüber dem Tagesspiegel, sie wolle die BMK-Erklärung „mit konkreten Bundesinstrumenten unterfüttern“.
Damit verlagert sich der politische Druck in den Sommer. Die BMK trifft sich im Oktober erneut, das Papier wird dann an den Berichten der Länder gemessen. Bis dahin steht das Thema Social Media und Schule weiter auf den Tagesordnungen der Landtage - Schleswig-Holstein hat bereits einen Handy-Pakt für Grundschulen vorgelegt, Sachsen-Anhalt eine Pflichtfortbildung für Lehrkräfte angekündigt. Stolz selbst, deren BMK-Vorsitz im Dezember turnusgemäß endet, sagte, eine pauschale Verbotsforderung würde „die Lebensrealität der Jugendlichen ignorieren“. Die Diskussion in Berlin werde damit nicht weniger laut - aber sie wird in den Ländern entschieden.