Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat am Sonntagmittag gemeinsam mit Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel den Tatort am Großen Tiergarten aufgesucht. Um 13 Uhr traten die drei vor die Presse, nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der am Samstagabend ein weißer Transporter in eine Menschenmenge am Rande des Christopher Street Day gerast war. Eine Frau starb, 16 Menschen wurden verletzt, drei davon zunächst lebensbedrohlich.
Wie wir am Sonntagmorgen berichteten, fahndet die Berliner Polizei mit Foto nach dem 21-jährigen Abdul B., den die Behörden dem islamistischen Milieu zurechnen. Ein Zugriff des SEK in einer auf ihn gemeldeten Wohnung im Grenzbereich Tiergarten-Schöneberg war in der Nacht gescheitert. Der Verdächtige ist weiter flüchtig.
Neu ist am Sonntag eine Spur, die die Ermittler intensiv verfolgen: An dem Tatfahrzeug seien sowohl der Fahrer- als auch der Beifahrerairbag ausgelöst worden, berichtet der Tagesspiegel unter Berufung auf Sicherheitskreise. Das könnte auf einen zweiten Täter hindeuten, ist aber noch nicht bestätigt - je nach Fahrzeugmodell lösen beide Airbags auch bei einem Alleinfahrer aus. Die Polizei sprach in einer Mitteilung von „einer oder mehreren Personen“, die vom Fahrzeug geflohen seien. Im Innenraum des Transporters fanden die Ermittler das Mobiltelefon des Verdächtigen. Nach Informationen von t-online hat die Bundespolizei die Kontrollen an der deutsch-dänischen Grenze verschärft, die Bundesanwaltschaft prüft eine Übernahme des Verfahrens.
Charité gibt Entwarnung
Aus der Charité kamen am Sonntag zunächst beruhigende Nachrichten. Die Klinik teilte mit, sie habe acht der Verletzten aufgenommen, vier davon seien inzwischen entlassen worden. Vier Patienten würden weiter auf der Intensivstation behandelt, „aktuell besteht bei keinem der Patienten Lebensgefahr“, so ein Sprecher gegenüber der Berliner Zeitung. Die Berliner Feuerwehr hatte in der Nacht insgesamt 16 Verletzte gemeldet, die auf mehrere Krankenhäuser verteilt wurden.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) meldete sich am Sonntagmorgen mit einer schriftlichen Erklärung zu Wort und sprach von einer „abscheulichen Tat“ und einem „Angriff auf unsere Gesellschaft“. Die Tat werde „mit aller Härte“ verfolgt, ließ Merz mitteilen. Dobrindt sagte, er sei „zutiefst“ betroffen und sicherte den Berliner Behörden bei der Pressekonferenz volle Unterstützung des Bundes zu. Wegner nannte den Anschlag „einen Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft“.
Der Regenbogen hat heute einen Riss. Das ist ein dunkler Tag für unsere Community und unser Land.
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) ordnete Trauerbeflaggung für alle Bundestagsgebäude an. „Wer Menschen angreift, die für Freiheit stehen, greift das Fundament unserer demokratischen Gesellschaft an“, teilte sie am Sonntag mit. Im Roten Rathaus tagte am Nachmittag der Berliner Senat in einer Sondersitzung, im Anschluss waren weitere Statements angekündigt.
Trauer am Brandenburger Tor
Am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor legten am Sonntagmittag Trauernde Blumen nieder, gegen 14 Uhr begann dort eine Mahnwache. Für 16.30 Uhr rief die Berliner Opferhilfeorganisation MANEO zu einem Trauermarsch von der Marienkirche am Alexanderplatz zum Brandenburger Tor auf. Berlins Bürgermeister Wegner hatte seine Teilnahme angekündigt. Die Sängerin Sarah Connor und die Rapperin Ikkimel äußerten in sozialen Netzwerken ihre Solidarität mit der queeren Community.
In den Niederlanden reagierten die Behörden noch am Sonntag: Amsterdam, wo derzeit die World Pride stattfindet, verstärkte kurzfristig die Sicherheitsvorkehrungen an den Paradenrouten. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Mord, versuchten Mord und gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Hinweise nimmt die Polizei unter 030 54024111 oder über das anonyme Hinweisportal be.hinweisportal.de entgegen.