Bahnchefin Evelyn Palla hat am Dienstag angekündigt, dass die Deutsche Bahn bis zum 15. Oktober an allen 5.400 Bahnhöfen bundesweit ein Alkoholkonsumverbot durchsetzen wird. Als erste Stationen werden am 1. September der Berliner Hauptbahnhof, Berlin Gesundbrunnen sowie die Bahnhöfe in Kiel und Braunschweig alkoholfrei. Auslöser ist eine eskalierte Fahrkartenkontrolle in Baden-Württemberg, bei der ein alkoholisierter Fahrgast am vergangenen Freitag einen Sicherheitsmitarbeiter aus einem fahrenden Zug gestoßen haben soll - der Mann trug lebensgefährliche Verletzungen davon.

„Es reicht. Genug ist genug. Wir greifen jetzt noch härter durch“, zitiert die Bahn ihre Konzernchefin. Palla begründete das Verbot auf Nachfrage der Nachrichtenagentur AFP mit „dem Schutz unserer Kollegen und unserer Reisenden“. Rechtsgrundlage ist das Hausrecht der DB an ihren Bahnhöfen. Wer beim Trinken erwischt wird, bekommt zunächst einen Platzverweis, im Wiederholungsfall droht ein Hausverbot. In Bahnhofsgastronomie und in Zügen bleibt der Ausschank erlaubt, verschlossene Flaschen dürfen weiter mitgeführt werden.

Es reicht. Genug ist genug. Wir greifen jetzt noch härter durch.
- Evelyn Palla, DB-Konzernchefin, zitiert von AFP

Nach Angaben der Bahn haben etwa 30 große Stationen - darunter Hamburg, Köln und München - bereits eigene Verbote in ihren Hausordnungen. Die bundesweite Ausweitung soll über lokale Anpassungen der Hausordnungen laufen, wie die DB in einer Stellungnahme erklärte: „Dafür sind in den nächsten Wochen lokale Anpassungen von Hausordnungen in Abstimmung mit Kommunen, Behörden und Verwaltungen nötig.“ In Modellprojekten habe man beobachtet, dass „deutlich weniger Müll anfällt und das Verbot auch dazu beiträgt, Gewaltkriminalität, Konflikte und Auseinandersetzungen unter Alkoholeinfluss zu verringern“. Rund ein Drittel aller Gewalttaten an deutschen Bahnhöfen werden laut Polizeistatistik unter Alkoholeinfluss verübt.

Dobrindt fragt nach der Grundlage

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) begrüßte den Vorstoß am Dienstag in Berlin verhalten. Er nannte das Verbot „erst mal positiv“ und „keine Idee, die man vom ersten Moment an direkt in die Tonne treten sollte“. Aggressionspotenziale ließen sich dadurch „möglicherweise etwas reduzieren“. Zugleich kündigte Dobrindt an, mit Palla das Gespräch zu suchen: Er wolle klären, „welche Grundlage, welche Informationen oder welche Studien sie vielleicht dazu hat“. Der Innenminister bezweifelt vor allem die praktische Durchsetzbarkeit an 5.400 Standorten.

Ähnliche Zweifel äußerte die Gewerkschaft der Polizei. Bundesvorstandsmitglied Alexander Poitz sagte t-online, seine Bundespolizisten seien „gebunden in Veranstaltungen, Großveranstaltungen und Grenzkontrollen“. Ein Kollege sei damit nicht dauerhaft an jedem Bahnsteig verfügbar, um Verstöße zu ahnden: „Das wird schwer, das umzusetzen.“ Die Deutsche Polizeigewerkschaft unter Heiko Teggatz nannte das Verbot zwar „sinnvoll“, fordert aber zusätzlich 3.500 neue Stellen und moderne Videosysteme. Für die Kontrolle an den Bahnhöfen kann die DB auf rund 4.500 eigene Sicherheitskräfte und etwa 11.000 Kameras zurückgreifen.

Der Konflikt um die Wirksamkeit dürfte den Fahrplan bis Mitte Oktober begleiten. Die Bahn testet parallel Bodycams für Zugbegleiter und Doppelbesetzungen im Zugpersonal - Maßnahmen, die unabhängig vom Alkoholverbot laufen. Ob Palla die Vollversorgung mit dem Verbot bis zum Stichtag flächendeckend hinbekommt, hängt am Ende weniger an Hausordnungen als an Personal, das die Regeln vor Ort durchsetzt.