Vor der ersten Sondierungsrunde in Berlin am Montag hatte Elif Eralp die Rolle inne, um die sich in ihrer Partei sonst kaum jemand drängte: Verhandlungsführerin einer möglichen rot-grün-roten Koalition - und damit Kandidatin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin. „Es geht um Inhalte, die auch die Inhalte der Berlinerinnen und Berliner sind“, sagte Eralp am Montag laut der Nachrichtenagentur dpa, sie wolle „ohne rote Linien“ verhandeln. Ihre Linke hatte am Sonntag mit 25,7 Prozent den historischen Wahlsieg eingefahren und den ersten Regierungsauftrag erhalten. Ohne Eralps Namen läuft in Berlin seither nichts.

Die 1981 in München geborene Politikerin ist Tochter türkischer Sozialisten und Gewerkschafter, die nach dem Militärputsch 1980 aus der Türkei geflohen waren. Sie studierte Jura an der Universität Hamburg, legte 2007 das Erste und 2009 das Zweite Staatsexamen mit Prädikat ab und arbeitete seit 2010 als juristische Referentin im Arbeitskreis Bürgerrechte der Linken-Bundestagsfraktion, wie das Handelsblatt berichtet. Seit zwölf Jahren lebt sie in Berlin, ist verheiratet und Mutter zweier Kinder, spricht Deutsch, Türkisch, Englisch und Spanisch. Im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt sie seit November 2021, seit 2024 als stellvertretende Fraktionsvorsitzende, seit Mai 2025 als stellvertretende Landesvorsitzende der Berliner Linken.

Politisch profilierte sie sich mit Migrations-, Antidiskriminierungs- und Wohnungsthemen. Der Wahlkampf lief zentral über die Mietfrage: Eralp warb für die Umsetzung des Volksentscheids „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“, den 2021 rund 57 Prozent der Berliner Wählerinnen und Wähler angenommen hatten, sowie für Vergesellschaftung großer Bestände und einen bundesweiten Mietendeckel. Auf ihrer Kandidatenwebsite fasst sie das Ziel schlicht zusammen. Als „Solidarity City“ solle Berlin außerdem Geflüchtete willkommen heißen und diskriminierende Polizeikontrollen zurückdrängen.

Ich will, dass sich die Menschen ihr Zuhause auch noch leisten können.
- Elif Eralp, Kandidatenwebsite

Berliner Modell nach Mamdani

Beobachter titulierten Eralp schon vor der Wahl als „Deutschlands Mamdani“, eine Anspielung auf Zohran Mamdani, den im November 2025 zum Bürgermeister von New York gewählten Demokratischen Sozialisten. In der Berliner Linken hatte man dessen Kampagne studiert - Bezahlbarkeit als Leitthema, direkte Ansprache an Mieterinnen und Mieter, ausdrückliche Adressierung migrantischer Milieus. Al Jazeera und Handelsblatt zogen die Parallele explizit, weil auch Eralps Wahlkampf die Kombination aus Sozialpolitik und Repräsentation ins Zentrum stellte: Am Wahlabend gewann die Linke laut Turkish Minute in nahezu allen Innenstadtbezirken, zusätzlich stimmten viele frühere Nichtwählerinnen und SPD-Anhänger für die Partei. Käme Eralp ins Rote Rathaus, wäre sie Berlins erste Regierende Bürgermeisterin mit Migrationsgeschichte.

Antisemitismus-Fragen belasten die Sondierung

Vor den Gesprächen mit SPD und Grünen belastet die Linke ein Vorfall vom Wahlsonntag: Bei der Wahlparty in Neukölln waren Clan-Chef Issa Remmo und der Rapper Ibrahim Ibrahim aufgetreten, dem Recherchen Nähe zur radikalen palästinensischen PFLP nachsagen. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach nannte die Feier gegenüber der Rheinischen Post „einfach unerträglich“, Grünen-Bundeschef Felix Banaszak sagte, seine Partei gehe „nicht als Blankoscheck“ in die Sondierungen und erwarte zunächst eine Klärung zu Antisemitismus- und Clan-Nähe-Fragen. Eralp verwies gegenüber ZDFheute darauf, dass der Schutz jüdischer Menschen für sie genauso zähle wie der Schutz muslimischer und christlicher Menschen in Berlin. Ob das reicht, entscheidet sich in den kommenden Tagen. Zunächst muss ein Berliner Landesparteitag der Linken formal darüber abstimmen, ob überhaupt Koalitionsverhandlungen aufgenommen werden.