Wenn an diesem Donnerstag im Berliner Abgeordnetenhaus die Delegationen von Linken, SPD und Grünen zusammentreten, ist der Vorlauf der Sondierung längst nicht mehr die Mehrheit von 52,1 Prozent, mit der die drei Parteien seit der Wahl am 20. September rechnen. Vorlauf sind drei Zeilen auf der eigenen Parlamentsseite von Elif Eralp. Dort steht seit Jahren, dass die Spitzenkandidatin der Berliner Linken bis 2025 Mitglied der Roten Hilfe war - eine Information, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer Mittwochausgabe zur bundesweiten Nachricht machte.
Die Berliner Linken-Zentrale bestätigte den Bericht umgehend. Eralp sei der Organisation während ihres Hamburger Jurastudiums beigetreten, teilte die Partei mit, um Menschen beizustehen, „die sich für linke und soziale Themen engagieren, auch wenn sie selbst nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügen“. Sie sei „jahrelang passives Mitglied“ gewesen und 2025 wegen „teils anderer politischer Auffassungen“ ausgetreten. Der Verfassungsschutz beobachtet die Rote Hilfe seit 2012 und ordnet sie als „größte und eine der bedeutendsten Gruppen des deutschen Linksextremismus“ ein.
Bei SPD und Grünen fiel die Reaktion gestaffelt aus. Berlins SPD-Landeschef Steffen Krach erklärte gegenüber dem Berliner Kurier, die kommenden Wochen würden „kein Spaziergang, das wird ein steiniger Weg“, und forderte ein verbindliches Papier gegen Antisemitismus mit „klaren Konsequenzen“. Grünen-Bundesvorsitzende Franziska Brantner nannte eine Koalition mit der Linken „herausfordernd“ und zog gegenüber dem Blatt eine rote Linie: Innen- oder Justizressort unter Linken-Führung seien „nicht akzeptabel als Teil einer Regierung“, solange Abgeordnete der Partei Verbindungen zu organisierter Kriminalität oder extremistischen Gruppen hätten.
Eine linke Juristin war Mitglied einer linken Rechtshilfeorganisation - wo ist der Skandal?
In Teilen der Berichterstattung schlug der Ton rasch zurück. Marie Frank schrieb in der taz vom Dienstagabend, die Enthüllung sei eine Scheinaufregung über eine Rechtshilfeorganisation, deren Arbeit in Zeiten zunehmender Repression gegen linke Aktive „wichtiger denn je“ sei. Ihr Kollege Gereon Asmuth zog einen harten Vergleich: Die Mitgliedschaft stehe seit Jahren öffentlich auf der Abgeordnetenhaus-Website - neu an der FAZ-Geschichte sei nicht die Information, sondern ihre Platzierung drei Tage vor den Sondierungen. SZ-Rechtsjournalist Ronen Steinke sprach laut netzpolitik.org von einer „Hexenjagd“ und erinnerte daran, dass das Recht auf Verteidigung keine politische Gesinnung voraussetze.
Der Spott als Antwort
Parallel formierte sich auf Bluesky, Mastodon und Reddit eine Spott-Welle, die Markus Reuter in netzpolitik.org am Mittwoch dokumentierte. Nutzerinnen und Nutzer bauten gefälschte Schlagzeilen in Spiegel-, SZ- und FAZ-Optik und packten sie mit absurden Vorwürfen voll: Eralp habe Spaghetti vor dem Kochen zerbrochen, Weißglas in den Buntglas-Container geworfen, Netflix mit Haushaltsfremden geteilt, Süßigkeitenpapier neben den Papierkorb fallen lassen - und, besonders viral, bei Sanifair übers Drehkreuz gesprungen. Die taz griff den Ton selbst auf: Ihr Mittwoch-Titelbild zeigte Eralp im Dirndl mit Bierkrug unter der Zeile „Berliner Linke war mal Münchnerin“.
Dass die Memes den Nerv treffen, hat auch mit Zahlen zu tun. Eralp führt die Linke mit knapp 25,7 Prozent in die Sondierung, SPD und Grüne liegen zusammen bei 26,4 Prozent. Ohne die Linke gibt es keine progressive Mehrheit im neuen Abgeordnetenhaus, mit ihr aber auch keine Koalition ohne öffentliche Diskussion über jedes Detail aus Eralps Lebenslauf. Die FAZ-Enthüllung dürfte deshalb nicht die letzte sein, mit der sich die Sondierungsrunde an diesem Donnerstag auseinandersetzen muss - und die Netzgemeinde liefert bereits Vorlagen für die nächste.