Der Deutsche Ethikrat hat sich in seiner am 11. Juni veröffentlichten Stellungnahme „Schutz, Teilhabe und Befähigung von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt“ gegen ein gesetzliches Mindestalter für die Nutzung sozialer Medien ausgesprochen. Das Beratungsgremium des Bundestages, das die 50-seitige Ad-hoc-Empfehlung auf Bitten von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner erarbeitet hat, formuliert 13 Empfehlungen - ein pauschales Verbot zählt nicht dazu. Die Stellungnahme fällt knapp zwei Wochen vor der Vorlage des Berichts der Expertenkommission, die Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) eingesetzt hat und die am 24. Juni rund 50 konkrete Vorschläge präsentieren soll.

„Die Einführung eines gesetzlichen Mindestalters für Soziale Medien ist dafür aus Sicht des Deutschen Ethikrates nicht geeignet“, erklärte der Ratsvorsitzende Helmut Frister bei der Vorstellung der Stellungnahme, wie ZDFheute berichtet. Judith Simon, Sprecherin der Arbeitsgruppe, ergänzte: „Digitale Risiken sind allgegenwärtig, aber sie gehen von Inhalten und Funktionen aus, die es nicht nur in den Sozialen Medien gibt.“ Der Ethikrat warnt im Originaltext der Empfehlung, dass von „pauschalen Nutzungsverboten für soziale Medien und andere digitale Dienste auf Grundlage neuer gesetzlicher Mindestaltersgrenzen abgesehen werden“ solle. Auch Technologien zur Altersableitung, bei denen personenbezogene Daten das Endgerät verließen, lehnt das Gremium ab - laut netzpolitik.org mit der Begründung, sie öffneten „Missbrauch und Zensur“ Tür und Tor.

Von pauschalen Nutzungsverboten für soziale Medien und andere digitale Dienste auf Grundlage neuer gesetzlicher Mindestaltersgrenzen sollte abgesehen werden.
- Deutscher Ethikrat, Stellungnahme vom 11. Juni 2026

Politischer Streit vor dem Prien-Bericht

Die Empfehlung trifft auf eine Bundesregierung, die in der Frage uneins ist. Die SPD forderte im Februar in einem Antrag ein Verbot für unter 14-Jährige, die CDU verabschiedete auf ihrem Parteitag eine vergleichbare Resolution. Kanzler Friedrich Merz lehnte einen pauschalen Bann im Mai öffentlich ab, Innenminister Alexander Dobrindt äußerte sich ebenfalls skeptisch. Karin Prien hatte vor diesem Hintergrund Anfang des Jahres eine Expertenkommission eingesetzt, deren Vorschläge nun am 24. Juni vorgestellt werden. Laut Handelsblatt zitiert der Ethikrat in seiner Stellungnahme Studienzahlen, die den Handlungsdruck illustrieren: Über ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen in Deutschland nutze soziale Medien „riskant oder pathologisch“, rund eine Million Jugendliche nutzten digitale Medien problematisch.

International gehen die Wege auseinander. Australien führte im Dezember 2025 als erstes Land der Welt ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige ein. Laut dem Deutschen Ärzteblatt wurden seitdem über fünf Millionen Konten entfernt oder eingeschränkt, ein Drittel der Kinder behielt nach Schätzungen der australischen Aufsicht trotz Verbot Zugang über VPN oder ältere Konten. Frankreich-Präsident Emmanuel Macron hat einen Gesetzentwurf für ein Verbot unter 15 Jahren ab dem 1. September 2026 angekündigt. Der Tagesspiegel verweist darauf, dass Umfragen aus dem Frühjahr eine deutliche Mehrheit der Erwachsenen in Deutschland für ein Mindestalter von 16 Jahren zeigen - rund 85 Prozent.

Was der Ethikrat stattdessen vorschlägt

Die Stellungnahme setzt nach Darstellung der taz auf einen Dreiklang aus Medienkompetenz, regulatorischer Pflicht für Plattformen und Aufklärung in Familien und Schulen. Kinderärztinnen und Kinderärzte sollen Eltern in den Vorsorgeuntersuchungen über digitale Risiken aufklären, Plattformen sollen zu „kinderfreundlicher“ Voreinstellung verpflichtet werden, der Konsum süchtig machender Designelemente soll regulatorisch begrenzt werden. Parallel hat die Bildungsministerkonferenz unter Vorsitz der bayerischen Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) am 12. Juni eine Erklärung „Sensibilisieren - Stärken - Schützen“ verabschiedet, in der die Länder eine gemeinsame Linie für den schulischen Umgang mit sozialen Medien beschreiben. Ob die Bundesregierung dem Ethikrat folgt oder mit dem Prien-Bericht einen schärferen Kurs einschlägt, entscheidet sich am 24. Juni.