Der Publizist Michel Friedman hält Friedrich Merz für einen ungeeigneten Bundeskanzler. In einem Spitzengespräch mit dem Spiegel sagte der Jurist und ehemalige CDU-Vizepräsident, er glaube nicht, „dass dieser Mann der Job-Description eines Bundeskanzlers entspricht“. Friedman spricht Merz die Fähigkeit ab, das Amt in seiner ganzen Reichweite auszufüllen, und verweist dabei auf einen Aspekt, den er als zentral für die Kanzlerschaft betrachtet: Empathie.
„Ich würde nicht sagen, das ist ein Vorbild, an dem ich noch viel über Empathie lernen kann“, sagte Friedman weiter. Zugleich attestierte der Publizist dem Kanzler, dass er wenigstens noch mit Kritikern spreche - und stellte die SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil und Bärbel Bas in einen ungünstigen Vergleich, weil er von ihnen „nichts höre“. Merz sei zwar oft ruppig und tappe in Fallstricke; anders als die Sozialdemokraten der Koalition erreiche er ihn aber wenigstens.
Ich glaube nicht, dass dieser Mann der Job-Description eines Bundeskanzlers entspricht.
Friedman verließ die CDU Anfang 2025, nachdem die Union im Bundestag gemeinsam mit der AfD einen migrationspolitischen Antrag durchgesetzt hatte. Er begründete den Austritt damals damit, dass demokratische Parteien keinen Schulterschluss mit einer Partei suchen dürften, die die Demokratie zerstören wolle. An dieser Haltung hält er im Spiegel-Gespräch fest: Die CDU sei nach dem Wahldebakel in Sachsen-Anhalt zu Recht abgestraft worden, das dürfe aber „nicht dazu führen, dass Wähler in Massen einer rassistischen, zerstörerischen Partei nachrennen“.
Zwischen Sachsen-Anhalt und Haushaltswoche
Politisch trifft die Attacke einen Kanzler in schwieriger Lage. Nach dem 44,4-Prozent-Ergebnis der AfD in Magdeburg räumte Merz im Adenauer-Haus ein, in die Opposition gedrängt worden zu sein; in der Generaldebatte der Haushaltswoche sitzt er seit Dienstag Alice Weidel gegenüber, die die Rolle der Oppositionsführerin für sich reklamiert. Friedmans Interview erscheint damit in einer Woche, in der der CDU-Chef ohnehin um seine strategische Autorität kämpft.
Der Publizist meldet sich seit dem AfD-Erdrutsch häufiger zu Wort. Er warnt, dass die etablierten Parteien den Rechtsruck weder durch Nachahmung noch durch reines Wegducken bremsen könnten - und dass Empathie, die er Merz abspricht, im Umgang mit einer verunsicherten Wählerschaft entscheidend sei. Aus der CDU-Spitze gab es zunächst keine offizielle Reaktion. Generalsekretär Carsten Linnemann hatte zuletzt betont, die Union müsse Reformen liefern, statt Personalfragen zu diskutieren.