Der Bund sucht zum Stichtag 1. Juli 148.311 Menschen mit einem nationalen Haftbefehl. Unter den Gesuchten sind 94 sogenannte Gefährder, denen die Sicherheitsbehörden schwerwiegende politisch motivierte Straftaten bis hin zu Terroranschlägen zutrauen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion hervor, über die zuerst der Spiegel berichtete.
Insgesamt zählt das polizeiliche Informationssystem INPOL zum Stichtag 170.667 offene Haftbefehle. Die Differenz zur Personenzahl erklärt sich damit, dass gegen einzelne Gesuchte mehrere Verfahren parallel laufen können. Die Werte liegen laut Bundesregierung nahezu auf Vorjahresniveau, ein struktureller Rückgang ist nicht erkennbar.
Rund 15.000 Verfahren, etwa neun Prozent der Haftbefehle, richten sich gegen Gewaltdelikte. Etwa 2.500 Fälle betreffen Mord und Totschlag. Der Rest verteilt sich auf Diebstahl, Betrug, Fahren ohne Fahrerlaubnis und andere Straftatbestände unterhalb der Schwelle schwerer Gewalt.
Grüne sehen „ernsthaftes Sicherheitsrisiko“
Die Kleine Anfrage mit dem Titel „Nicht vollstreckte Haftbefehle 2026“ ging am 30. Juni von der Grünen-Fraktion in den Bundestag ein; Erstunterzeichnerin ist die Innenpolitikerin Irene Mihalic. Für die Fraktion ist der Rückstand kein Verwaltungsdetail, sondern eine Sicherheitsfrage: Menschen, denen die Polizei Gewalt oder politisch motivierte Straftaten vorwirft, blieben oft jahrelang unbehelligt, während sich der Berg alter Fahndungen weiter aufhäufe. In der Vorbemerkung zur Anfrage bezeichnet die Fraktion die verzögerte Vollstreckung als „ernsthaftes Sicherheitsrisiko“.
Mihalic hatte schon vor Jahren ein bundesweit koordiniertes Vorgehen gefordert, um die Fälle nach Schwere zu priorisieren und abzuarbeiten. Die aktuelle Antwort verschiebt das Bild nur wenig: Die Zahlen bewegen sich seit Jahren im sechsstelligen Bereich, ohne dass Bund und Länder eine gemeinsame Strategie zum Abbau des Rückstands vorgelegt hätten. Bei den rechtsextremen Gesuchten liegt die Zahl der Haftbefehle nach früheren Bundestagsantworten inzwischen im vierstelligen Bereich.
Berlin allein sucht rund 9.500 Menschen
Wie groß der regionale Anteil ausfallen kann, zeigt Berlin: Anfang Juli meldete die Innenverwaltung dem Abgeordnetenhaus 9.459 offene Haftbefehle, davon 7.532 Vollstreckungshaftbefehle gegen bereits verurteilte Straftäter. Etwa die Hälfte der Fälle betrifft Diebstahl, die restlichen verteilen sich auf Betrug, Drogendelikte und Gewalttaten. Staatssekretär Christian Hochgrebe (SPD) verwies gegenüber dem Tagesspiegel darauf, dass ein Teil der Fahndungen abgeschobene Verurteilte betreffe, die bei einer Wiedereinreise automatisch registriert würden.
Aus dem Bundesinnenministerium liegt bislang keine konkrete Ankündigung vor, wie der Rückstand abgebaut werden soll. Die Zahl der Gefährder auf freiem Fuß bleibt praktisch unverändert, seit die Statistik in der aktuellen Form erhoben wird - ein Befund, den auch die Antwort auf die Anfrage der Grünen nicht auflöst.