Wie wir am Dienstag berichteten, hat der Andes-Hantavirus-Ausbruch auf der niederländischen Expeditionsyacht MS Hondius drei Menschenleben gefordert. Seitdem hat sich die Lage erheblich zugespitzt: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldete am 12. Mai insgesamt elf Erkrankungsfälle, neun davon bestätigt. Eine Französin, die nach der Evakuierung der Hondius auf Teneriffa ohne Krankheitszeichen nach Paris heimgekehrt war, liegt inzwischen im dortigen Krankenhaus Bichat-Claude-Bernard mit einer ECMO-Maschine an der Grenze des Überlebbaren.
Die Patientin hatte beim Verlassen des Schiffes keine Symptome gezeigt. Während des Rückflugs nach Frankreich entwickelte sie erste Krankheitszeichen; ein Test bestätigte kurz darauf die Infektion mit dem Andes-Virus. Ihr Zustand verschlechterte sich rasch. Xavier Lescure, Infektiologe am Krankenhaus Bichat-Claude-Bernard, beschrieb gegenüber internationalen Medien ihren Fall als die schwerste Form des durch Andes-Viren ausgelösten kardiopulmonalen Syndroms. Das ECMO-Verfahren - die extrakorporale Membranoxygenierung - übernimmt dabei die Funktion von Lunge und Herz vorübergehend: Blut wird aus dem Körper geleitet, außerhalb mit Sauerstoff angereichert und zurückgepumpt. Dieser Eingriff gilt in der Intensivmedizin als letzte Eskalationsstufe vor dem Organversagen. Französische Behörden bezeichneten Mitte der Woche ihren Zustand als die finale Phase der intensivmedizinischen Versorgung.
Sie hat die schwerste Form des durch den Andes-Virus verursachten kardiopulmonalen Syndroms.
Der Fall verdeutlicht, wie weit die Exposition auf der Hondius inzwischen geographisch verstreut ist. WHO und ECDC bestätigen positive Tests in Frankreich, Spanien und der Schweiz. Patientinnen und Patienten werden laut Behördenangaben in sechs Ländern medizinisch betreut: Niederlande, Deutschland, Südafrika, die britische Atlantikinsel St. Helena, Spanien und Frankreich. Achtzehn US-amerikanische Passagiere wurden am 11. Mai in spezialisierte Einrichtungen in den Bundesstaaten Nebraska und Georgia verlegt, wo sie unter strikter Quarantäne überwacht werden. Mindestens ein weiterer Passagier entwickelte auf dem Rückflug in die USA Symptome.
Der Ausbruch geht nach aktuellem WHO-Stand auf einen niederländischen Passagier zurück, der am 6. April an Bord der Hondius erkrankte. Er starb am 11. April - noch während der Antarktis-Fahrt. Seine Frau verstarb am 26. April in einem Krankenhaus in Johannesburg. Eine deutsche Passagierin starb am 2. Mai an Bord. Die Hondius hatte Ushuaia am 1. April verlassen; auf Teneriffa wurden alle verbliebenen Passagiere evakuiert und per Sonderflug in ihre Heimatländer zurückgebracht. Der Betreiber Oceanwide Expeditions kündigte an, bis Ende der Woche mitzuteilen, ab wann das Schiff den Betrieb wieder aufnehmen werde.
Kein Impfstoff für Andes-Virus - WHO erwartet weitere Fälle
Die WHO stufte das globale Risiko für die Allgemeinbevölkerung weiterhin als niedrig ein, wies jedoch darauf hin, dass angesichts der Inkubationszeit des Andes-Virus von bis zu sechs Wochen noch weitere Fälle unter ehemaligen Passagieren und Besatzungsmitgliedern möglich seien. In einer WHO-Mitteilung hieß es, es gebe derzeit keine Anzeichen, dass ein größerer Ausbruch bevorstehe. Das ECDC aktualisierte am 13. Mai seine Risikobewertung und bestätigte diese Einschätzung. Einen zugelassenen Impfstoff gegen den Andes-Virus gibt es nicht - und das, obwohl die Forschung in kleinem Rahmen seit Jahrzehnten läuft. Klinische Phase-1-Studien mit DNA-basierten Kandidaten gegen mehrere Hantavirus-Arten hätten zwar neutralisierende Antikörper erzeugt, seien aber auf mindestens drei Impfgaben angewiesen und würden noch keine regulatorische Zulassung besitzen. Ein grundlegendes Problem bleibt die mangelnde Finanzierung: Hantaviren erkranken global zu selten, als dass sie für die Pharmaindustrie attraktive Zulassungsvorhaben darstellten. Moderna bestätigte gegenüber internationalen Medien, an mRNA-basierten Hantavirus-Impfstoffen zu forschen, ohne einen konkreten Zeitrahmen zu nennen.
Für Deutschland bleibt die Lage nach RKI-Einschätzung eingegrenzt. Die 65-jährige Deutsche, die nach der Evakuierung auf Teneriffa ohne Symptome in die Universitätsklinik Düsseldorf verlegt worden war, befand sich laut Behördenangaben zur vorsorglichen Beobachtung in Quarantäne. Das RKI hält daran fest, dass die in Deutschland endemischen Hantaviren - vor allem das durch Rötelmäuse übertragene Puumala-Virus - weder die Schwere noch den Mensch-zu-Mensch-Übertragungsweg des Andes-Virus aufweisen. Der Andes-Virus bleibt die einzige bekannte Hantavirus-Spezies, bei der eine solche Übertragung dokumentiert ist.