Kremlchef Wladimir Putin hat am Freitag die Einnahme der ostukrainischen Stadt Kostjantyniwka verkündet - der ukrainische Generalstab widerspricht, unabhängige Militäranalysten zweifeln, und Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den russischen Staatschef spöttisch eingeladen, ihn dort zu einem Gespräch zu treffen.

Kremlsprecher Dmitri Peskow zitierte Putin nach ZDFheute mit den Worten, die Industriestadt sei „unter hohen Verlusten für die ukrainischen Verteidiger“ erobert worden. Der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow habe Putin über die Einnahme unterrichtet und die Bedeutung des Vormarschs im Gebiet Donezk hervorgehoben. Kommandeur Anton Grunis sprach laut ZDFheute von „Such- und Vernichtungseinsätzen gegen vereinzelte Soldaten der ukrainischen Streitkräfte, die versuchen, sich in Gebäuden, Kellern und Ruinen zu verstecken“.

Der ukrainische Generalstab wies die Darstellung am Freitagmorgen zurück. Im Morgenbericht hieß es laut ZDFheute schlicht: „Wir weisen dies zurück. Das sind weitere Falschmeldungen.“ Gefechte gingen weiter, auch in nahegelegenen Dörfern wie Iwanopyllja. Das US-amerikanische Institute for the Study of War hatte bereits zuvor festgehalten, dass russische Kräfte in Kostjantyniwka zwar taktische Erfolge erzielt hätten, der Großteil der russischen Präsenz aber aus kleinen Infiltratorentrupps zwischen ukrainischen Stellungen bestehe.

Wenn Kostjantyniwka derzeit unter russischer Kontrolle stünde, hätte Putin wohl kein Problem damit, sich dort mit mir zu treffen und diplomatische Lösungen zu finden, um den Krieg endlich zu beenden.
- Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine

Selenskyj äußerte sich am Rande seines Telefonats mit Bundeskanzler Friedrich Merz. „Das ist nur die x-te russische Lüge, um wenigstens irgendeine Nachricht in Umlauf zu bringen“, sagte er dem Tagesspiegel zufolge. Der Präsident warf Putin vor, „die Welt und den Präsidenten der Vereinigten Staaten“ über die Lage an der Front zu belügen - und ordnete die Meldung als Signal an Donald Trump vor dem 4. Juli ein.

Vorwand für die USA, Test für die Front

Kostjantyniwka hatte vor dem Krieg zwischen 67.000 und 78.000 Einwohner und ist neben Kramatorsk, Slowjansk und Druschkiwka eine der sogenannten Festungsstädte im ukrainischen Donbass. Fällt sie, öffnet sich für Russland der Weg auf die Ballungsräume weiter westlich. Die Kämpfe um die Stadt laufen seit Ende 2025, in den vergangenen Wochen ist die Front laut ISW näher an das Zentrum herangerückt. Selenskyj verwies auf einen Präzedenzfall: Im Dezember 2025 hatte der Kreml die Einnahme Kupjansks vermeldet - der Präsident filmte sich anschließend am Stadtrand, um die Meldung zu widerlegen.

In dem Telefonat mit Merz dankte Selenskyj der Bundesregierung für die zugesagte Flugabwehr-Unterstützung nach dem russischen Kombiangriff auf Kiew mit rund 500 Drohnen und 74 Raketen in der Nacht zum Donnerstag. Rund 30 Menschen waren dabei ums Leben gekommen. Auf russischer Seite bleibt Kostjantyniwka der Baustein einer Erzählung, in der die Front bröckelt; auf ukrainischer Seite ist sie das Stichwort, mit dem der Präsident den Kremlchef in die Enge treiben will - im Wortsinn zu einem Treffen an einem Ort, den es nach Kiewer Lesart in russischer Hand gar nicht gibt.