Der Auftritt am Sonntagabend war triumphal und unbeholfen zugleich. Leif-Erik Holm, 56, hatte seine Partei zu ihrem bislang stärksten Landtagswahlergebnis geführt - 38,2 Prozent für die AfD in Mecklenburg-Vorpommern, deutlich vor der SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Nur: In den neuen Landtag in Schwerin zieht er selbst nicht ein. Holm verlor das Direktmandat gegen Schwesig, und auf der Landesliste hatten die Delegierten seinem Co-Landeschef Enrico Schult den Spitzenplatz gegeben. Am Montag räumte Holm laut Nachrichtenagentur dpa das Scheitern des Regierungsanspruchs ein und kündigte an, seine Partei richte sich „auf die Oppositionsrolle ein“.
Rechnerisch reicht es für ein Bündnis aus SPD, Linke und Grünen ohne die AfD - eine Konstellation, die Schwesig noch am Wahlabend als Ziel ausgab. Andere Parteien haben Gespräche mit der AfD ausdrücklich abgelehnt. Weitere Einladungen zu Sondierungen werde man nicht mehr aussprechen, sagte Holm der dpa.
Wir richten uns jetzt auf die Oppositionsrolle ein, und wir werden eine starke Opposition sein.
Vom Radiostudio ins Bundestagsbüro
Geboren wurde Holm am 1. August 1970 in Schwerin, aufgewachsen ist er im nahen Klein-Trebbow. Vor der Politik war er rund zwei Jahrzehnte Radiomoderator, unter anderem für Antenne MV, FFH und den NDR, wie t-online in einem Steckbrief der Redakteurin Marisa Lattemann zusammenfasst. Ausgebildet ist er als Elektromonteur, später studierte er an der Berliner Humboldt-Universität Volkswirtschaftslehre. Verheiratet, vier Kinder. Der AfD trat er 2013 bei, als der Landesverband gegründet wurde; seit 2017 sitzt er im Bundestag und ist dort wirtschaftspolitischer Sprecher der Fraktion.
In der Selbstdarstellung setzt Holm auf den Kontrast zu Provokateuren wie Björn Höcke. Das Handelsblatt hatte ihn einmal als „Schwiegersohntyp“ beschrieben, ein früherer FFH-Kollege nannte ihn 2018 gegenüber der Frankfurter Neuen Presse „nett“. Der Landesverband Mecklenburg-Vorpommern ist zudem der einzige ostdeutsche AfD-Landesverband, den der Verfassungsschutz nicht als gesichert rechtsextrem einstuft, wie Euronews in einem Porträt vom 20. September berichtet.
Der Ton im Wahlkampf klang anders. Der in Brandenburg geborenen Schwesig empfahl Holm, „endlich nach Hause“ zu gehen, und nannte sie öffentlich „Pinocchio Schwesig“ - dieselbe Bezeichnung, die er auch für CDU-Chef Friedrich Merz verwendete. Sein Programm, die „Blaue Wende“, verband klassische AfD-Positionen mit Ostalgie-Bildern: Auftritte auf einer Simson-Schwalbe, Forderungen nach der Wiedereröffnung von Nord Stream und dem Wiedereinstieg in die Kernkraft, ein „Baby-Willkommensgeld“ von 3.000 Euro. Zur Migration verlangte er die konsequente Abschiebung „krimineller Migranten und Ausreisepflichtiger“ sowie eine strikte Begrenzung muslimischer Zuwanderung.
Steuerung aus Berlin
Die konkrete parlamentarische Arbeit im Schweriner Schloss steuert nun eine Fraktion, der Holm selbst nicht angehört. An deren Spitze steht mit Enrico Schult ein Vertrauter; doch schon in der Nacht zum Montag wurde interner Widerspruch gegen den Oppositionskurs sichtbar. Landesgeschäftsführer Dario Seifert erklärte laut dpa, Gespräche mit SPD, Linken und Grünen seien nicht akzeptabel, weil diese Parteien ein AfD-Verbot vorantrieben. Die Berliner Zeitung berichtete am Sonntagabend unter der Zeile „Kritik an Holm reißt nicht ab“ von anhaltender Unzufriedenheit im eigenen Landesverband.
Formal bleibt Holm Landesvorstandssprecher und wirtschaftspolitischer Sprecher im Bundestag. Ob er von Berlin aus die Deutungshoheit über eine Fraktion behält, die ohne ihn tagt, dürfte sich in den kommenden Wochen entscheiden - wenn Schwesig ihre Koalitionsgespräche eröffnet und die 32 AfD-Abgeordneten im Schweriner Landtag ihre Rollen finden.