Carsten Linnemann hat sich am Freitag erstmals selbst zu seinem Wechsel ins Bundesgesundheitsministerium geäußert - in einem kurzen Video auf Instagram. „Klar, ich bin auch ehrlich, ihr müsst mir ein bisschen Zeit geben“, sagte der 48-jährige CDU-Politiker, der bislang Generalsekretär seiner Partei ist. „Hier und da muss ich einfach noch tiefer einsteigen. Und ich habe auch echt einen Höllenrespekt vor dieser Aufgabe.“ Bundeskanzler Friedrich Merz hatte Linnemann am Donnerstag kurzfristig gebeten, Nachfolger der neuen Kanzleramtsministerin Nina Warken zu werden.
Der Auftritt fällt in eine Kabinettsumbildung, die in der Union selbst mit Irritation aufgenommen wird. Der abberufene Verkehrsminister Patrick Schnieder sei behandelt worden, „als führe man eine Bundesregierung wie ein Feudalkönigreich“, zitierte t-online CDU-Vize Christian Bäumler. Auch Ex-Kanzleramtschef Peter Altmaier und der frühere CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach zeigten sich öffentlich verstimmt. Für den freien Posten im Verkehrsressort hatte Merz nach Berichten des Onvista-Nachrichtendienstes eigentlich den Bundestagsabgeordneten Fritz Güntzler eingeplant, der jedoch kurzfristig absagte.
Klar, ich bin auch ehrlich, ihr müsst mir ein bisschen Zeit geben. Hier und da muss ich einfach noch tiefer einsteigen.
In sozialen Netzwerken ging binnen Stunden ein Satz um, den Linnemann selbst im Mai 2025 gesagt hatte. In einem Phoenix-Interview hatte er damals ausgeschlossen, Gesundheitsminister werden zu wollen: „Schuster, bleib bei deinen Leisten, mach das, was du kannst.“ Er wäre in diesem Amt „nicht erfolgreich gewesen“, so seine eigene Einschätzung vor gut einem Jahr. Auf diese Passage angesprochen, sagte Linnemann nun der Bild-Zeitung, die Umstände zwischen Mai 2025 und Juli 2026 seien andere. Die Arbeit im Koalitionsausschuss habe ihm den Reformbedarf im Gesundheitswesen deutlich gemacht; er sehe das Ministerium jetzt als „eine der zentralen Reformressourcen“.
Kritik: „Ahnungslos, aber ganz viel Meinung“
Bei Opposition und Fachöffentlichkeit kommt die Personalie schlecht an. Die taz überschrieb ihre Analyse mit „Ahnungslos, aber ganz viel Meinung“ und verwies auf Linnemanns Werdegang: ein Jahr im elterlichen Buchladen, drei Jahre in einer Bankenforschungsabteilung, dann Wirtschafts- und Arbeitspolitik in der CDU - keine Station im Gesundheitswesen. Zugleich habe Linnemann klare ordnungspolitische Forderungen: „Ich finde, 10 Krankenkassen in Deutschland reichen“, hatte er zuletzt mehrfach gefordert. Die Grünen-Gesundheitspolitikerin Janosch Dahmen und die Linken-Abgeordnete Ates Gürpinar hatten schon am Donnerstag vor einem fachfremden Hardliner gewarnt.
Der Zeitplan ist eng: Vereidigt werden die neuen Minister erst im September, wenn der Bundestag aus der Sommerpause zurückkehrt. Bis dahin arbeitet Linnemann sich formell noch als CDU-Generalsekretär in die Materie ein. Der Verfassungsrechtler Stefan Ulrich Pieper hat gegenüber t-online offene Fragen zur Amtsausübung vor der Vereidigung angemeldet. Auf Instagram gab Linnemann sich am Ende gefasst: „Wer mich kennt, weiß, ich habe das hier einfach gerne gemacht, aber es kommt manchmal anders, als man denkt.“