Angela Merkel hat die Eröffnung einer Kunstausstellung im Bundestag genutzt, um der eigenen Partei nach den Wahlniederlagen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin einen historischen Kompass anzubieten. „An einem Tag wie heute und nach einem Abend wie gestern lohnt es sich vielleicht, auch noch mal nachzudenken, was können wir von Konrad Adenauer übernehmen?“, sagte die Altkanzlerin am Montagabend im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, wie die Berliner Zeitung und die Deutsche Presse-Agentur übereinstimmend berichten. Anlass war die Vernissage der Schau „Kokoschkas Adenauer. Warhols Brandt.“, die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner eröffnete.

Merkel sprach im Podiumsgespräch mit Klöckner ausdrücklich über die Volkspartei-Idee des ersten Bundeskanzlers. Adenauer habe die CDU aus drei gleichwertigen Wurzeln verstanden - konservativ, liberal und christlich-sozial - und sie als Brücke zwischen unterschiedlichsten Milieus konzipiert: zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Männern und Frauen, Umwelt und Wirtschaft, Stadt und Land, Konfessionen und Generationen. „Ich würde heute hinzufügen: zwischen Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte“, ergänzte sie nach Angaben von t-online und Apollo News.

Für ihn war klar, man muss Brücken bauen. Und gleichzeitig ergab sich daraus automatisch, mit wem man keine Brücken bauen konnte.
- Angela Merkel über Konrad Adenauer, Bundestag, 21. September 2026

Die 72-Jährige sparte den Namen ihres Nachfolgers Friedrich Merz aus, auch die AfD blieb unerwähnt. Der Kontext war dennoch unübersehbar: Am Vorabend war die CDU in Mecklenburg-Vorpommern - Merkels alter Wahlkreis, in dem sie achtmal in Folge das Direktmandat holte - mit 4,9 Prozent erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik aus einem Landesparlament geflogen. In Berlin verlor die Union zweistellig, die Linke wurde stärkste Kraft. AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm zog in Schwerin mit 38,2 Prozent ein. Merkel bezeichnete das Bauen von Brücken „auch zwischen Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte“ als heute schwierig, aber notwendig, so die Berliner Zeitung.

Zur Adenauer-Referenz gehörte ein zweiter Satz, der in Berlin schnell als leise Distanzierung vom Kurs der Merz-CDU gelesen wurde. Für Adenauer sei „klar“ gewesen, wo die Grenzen des Brückenbaus lägen - eine Aussage, die die Frage einer Zusammenarbeit mit der AfD adressiert, ohne sie zu benennen. Merz hatte am Wochenende in einer Analyse im Konrad-Adenauer-Haus die CDU nur noch „in Teilen“ als Volkspartei bezeichnet und trifft an diesem Dienstag in Berlin die CDU/CSU-Fraktion zur ersten Aussprache nach den Landtagswahlen. Seine Reise zur UN-Generaldebatte in New York sagte er dafür ab.

Das rote Blazer, das nicht kam

Neben dem politischen Signal lieferte Merkel bei der Ausstellungseröffnung auch die persönliche Notiz: die Erklärung für ihr blaues Kanzlerporträt des deutsch-französischen Malers Jérémie Queyras, das derzeit im Bode-Museum hängt. „Von Rot habe ich mal abgesehen. Und das lasse ich der ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlerin übrig“, sagte sie nach Berichten von Tagesspiegel und t-online. Blau reiche „von Marineblau bis zu Stahlblau“ und stehe für Präsenz. Ihre bunten Blazer bei G20-Gipfeln seien stets „ein Farbtupfer“ zwischen dunklen Herrenanzügen gewesen.

Für die Adenauer-Brandt-Schau lieh Merkel den Kokoschka-Adenauer aus, der seit 2002 zunächst in ihrem Fraktionsvorsitz- und dann in ihrem Kanzlerbüro hing. „Ich blicke nun auf eine weiße Wand anlässlich des 150. Geburtstages von Konrad Adenauer“, sagte sie. Die Ausstellung im Forum Kunst des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses zeigt neben Kokoschkas Adenauer-Porträt von 1966 Andy Warhols Brandt-Bild von 1976 und ist bis zum 10. Januar 2027 kostenfrei zu sehen. Kuratiert hat sie Kristina Volke.

In seiner ersten Reaktion nach der MV-Wahl hatte Merz eine Personaldebatte in der Union abgelehnt, in Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer meldete sich am Montag im MDR mit dem Satz, das Desaster habe „auch etwas mit Personen zu tun“. Merkel wählte den Umweg über die Kunst - und über Adenauer.