Am zehnten Jahrestag des Anschlags am Olympia-Einkaufszentrum hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Mittwoch in München eine schärfere politische Reaktion auf Rassismus gefordert. Vor Angehörigen der neun Opfer, Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) und Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) sagte Steinmeier laut Redemanuskript, dass die Tat „unser ganzes Land“ betreffe. „Diese rassistische Tat betrifft nicht nur die Opfer, ihre Angehörigen und Freunde, nicht nur die Stadt München, nicht nur den Freistaat Bayern, sie betrifft unser ganzes Land, und sie geht uns alle in diesem Land an“, zitiert die Abendzeitung München den Bundespräsidenten.
Steinmeier verband seine Rede mit einer Selbstverpflichtung des Staates: Jede Spur rassistischer Hetze müsse mit „mehr Aufmerksamkeit, mehr Konsequenz, klaren Grenzen“ verfolgt und sanktioniert werden. Deutschland sei „ein Land mit Migrationsgeschichte“, so Steinmeier weiter, dieses Selbstverständnis dürfe man rassistischen Denkweisen nicht überlassen. Am Ende der Ansprache verlas er die Namen der Toten: Armela, Can, Dijamant, Guiliano, Hüseyin, Roberto, Sabine, Selçuk und Sevda.
Angehörige verlangen einen Untersuchungsausschuss
Die Familien der Getöteten drängen weiter auf eine parlamentarische Aufarbeitung im Bayerischen Landtag. Sie wollen klären lassen, ob Warnzeichen im Vorfeld ignoriert wurden und ob es rechtsextreme Netzwerke im Umfeld des Täters gab. Yasemin Kılıç, deren 15-jähriger Sohn im OEZ getötet wurde, sagte laut Abendzeitung, staatliche „Zeremonialworte und Kamerablicke“ allein reichten nicht aus. Erst im Oktober 2019, drei Jahre nach der Tat, hatten die bayerischen Behörden das rechtsextremistische Motiv des Attentäters offiziell anerkannt. Zuvor waren die Ermittler von einem Amoklauf ausgegangen.
Sie betrifft unser ganzes Land, und sie geht uns alle in diesem Land an.
Schweigeminute in ganz München
Krause, seit 2026 Oberbürgermeister, würdigte in seiner Begrüßung, dass es die Angehörigen gewesen seien, die die Einordnung als „einen der schwersten rechtsextremistischen Anschläge der deutschen Geschichte“ gegen anfängliche Zurückhaltung durchgesetzt hätten. Aigner stellte den OEZ-Anschlag in eine Linie mit dem Oktoberfestattentat von 1980 und den NSU-Morden und forderte alltäglichen Widerstand „gegen Rassismus und Extremismus jeder Art“. Um 17:51 Uhr, der Uhrzeit, zu der der damals 18-jährige Täter am 22. Juli 2016 vor dem Schnellrestaurant an der Hanauer Straße das Feuer eröffnet hatte, hielten die Fahrzeuge der Münchner Verkehrsbetriebe kurz an; die Landeshauptstadt gedachte in einer stadtweiten Schweigeminute.
Am Denkmal „Für Euch“ nahe des OEZ-Ausgangs Riesstraße legten Angehörige, Steinmeier und die Vertreter der Bayerischen Staatsregierung Kränze und Blumen nieder. In Moosach hatte die Stadt im April 2025 zusätzlich einen Erinnerungsraum eröffnet. Der 18-jährige Täter tötete am 22. Juli 2016 acht Jugendliche und eine erwachsene Frau, verletzte fünf weitere Menschen und erschoss sich rund zweieinhalb Stunden später selbst, als Polizeikräfte ihn stellten. Alle Opfer stammten aus Familien mit Migrationsgeschichte, mehrere hatten türkische, kosovarische oder Sinti-Wurzeln.