Deutsche Schülerinnen und Schüler haben in der am Montag veröffentlichten PISA-Studie so schlecht abgeschnitten wie in keiner Erhebung seit dem Start des OECD-Vergleichs im Jahr 2000. Die 15-Jährigen erreichten in Naturwissenschaften 486 Punkte, im Lesen 465 und in Mathematik 464 Punkte - jeweils der niedrigste Wert, der jemals für Deutschland gemessen wurde. Gegenüber der Vorgängerstudie von 2022 sackten die Leistungen in allen drei Bereichen erneut ab.

Rund 6.700 Jugendliche in Deutschland waren Teil der Erhebung, weltweit nahmen laut OECD rund 760.000 Schülerinnen und Schüler in 91 Staaten teil. Etwa ein Drittel der deutschen Neuntklässler verfehlt die Mindestanforderungen im Lesen und in Mathematik, ein Viertel scheitert an den Basiskompetenzen in Naturwissenschaften. Weniger als zehn Prozent zeigen in allen drei Bereichen ein hohes Niveau.

Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) reagierte am Montag mit deutlichen Worten. „Was wir heute sehen, ist ohne Frage ein besorgniserregender Befund“, sagte die KMK-Vorsitzende laut ZDFheute. Besonders alarmierend sei, dass „die soziale Kluft weiter auseinandergeht“ - das Aufstiegsversprechen funktioniere „gegenwärtig nicht“. Prien kündigte Konsequenzen an: Es sei „ein miserables Ergebnis, und das darf man nicht nur nüchtern analysieren“. Die KMK arbeite an einer Stärkung des Deutsch- und Mathematikunterrichts, gezielte Sprachförderung solle bereits in der Kita ansetzen.

Ein Vierteljahrhundert PISA-Maßnahmen hat letztlich nichts gebracht.
- Anja Bensinger-Stolze, GEW-Vorstand Schule

Herkunft entscheidet stärker als in fast jedem anderen OECD-Staat

Besonders scharf fallen die Befunde zur Bildungsgerechtigkeit aus. Schüler mit Migrationshintergrund liegen in Deutschland im Schnitt 83 Punkte hinter ihren Mitschülern ohne Migrationshintergrund - im OECD-Durchschnitt sind es 42. Die Bildungsökonomen des ifo Instituts stellen die aktuellen 15-Jährigen leistungsmäßig auf das Niveau der 13-Jährigen von 2012, ein Rückschritt von rund zwei Schuljahren. „Nichts geht ohne die Basiskompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen“, sagte ifo-Bildungsökonom Ludger Wößmann der Wirtschaftswoche und rechnet mit drei bis vier Prozent geringeren Lebenseinkommen der betroffenen Jahrgänge gegenüber dem Stand von 2022.

Samuel Greiff, PISA-Projektleiter an der TU München, sprach im Tagesspiegel von „historisch niedrigen Kompetenzständen“. 15-Jährige in Deutschland leisteten heute schlechter als je zuvor, wenn sie Wissen auf Alltagssituationen anwenden sollten. Der OECD-Bildungsexperte Francesco Avvisati führte den Trend unter anderem auf hastige Lesegewohnheiten und geringere Neugier zurück. Kiels Bildungsforscher Olaf Köller kritisierte, viele didaktische Ansätze steckten „im 20. Jahrhundert“ fest.

GEW spricht von Bildungskatastrophe, Opposition fordert Umsteuern

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft nannte die Lage bei der Chancengerechtigkeit „katastrophal“. „Ein Vierteljahrhundert PISA-Maßnahmen hat letztlich nichts gebracht“, erklärte GEW-Vorstandsmitglied Anja Bensinger-Stolze. Bildungsqualität sei seit Jahren „über Standards, Tests und Vergleiche“ definiert worden, zulasten pädagogischer Vielfalt und guter Arbeitsbedingungen. Drogenbeauftragter Hendrik Streeck (CDU) verwies auf den Einfluss problematischer Social-Media-Nutzung und forderte stärkere Schutzmechanismen für Kinder und Jugendliche.

Aus dem Bundestag kamen einhellig Rufe nach Reformen. SPD-Bildungspolitikerin Jasmina Hostert sprach gegenüber der Tagesschau von einem „klaren Auftrag“, gezielt in benachteiligten Regionen zu investieren. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge nannte die Ergebnisse zur Bildungsgerechtigkeit „besonders alarmierend“. Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek forderte einen Bildungspolitik-Wechsel weg von Leistungsdruck hin zu einer Förderung von „Kindern und ihren Stärken“. International liegt Deutschland im Lesen und in den Naturwissenschaften nur noch knapp über dem OECD-Schnitt von 482 Punkten und rutscht in Mathematik erstmals darunter - während Shanghai, Singapur und Estland die Ranglisten anführen.