Boris Pistorius hat vor dem Nato-Gipfel in Ankara Generalsekretär Mark Rutte gegen den Vorwurf verteidigt, sich zu weit auf US-Präsident Donald Trump zuzubewegen. „Mark Rutte ist ein wirklich ausgezeichneter Kommunikator“, sagte der Verteidigungsminister dem Spiegel. „Er nimmt die Menschen so, wie sie sind.“ Kurz zuvor hatte Trump auf seiner Plattform Truth Social den deutschen Nato-Beitrag als „lächerlich“ bezeichnet.
Der Vorwurf gegen Rutte reicht bis in den vergangenen Sommer zurück. Beim Nato-Gipfel in Den Haag im Juni 2025 hatte der Niederländer bei einem Presseauftritt mit Trump gescherzt, „dann muss Daddy manchmal heftige Wörter verwenden“. Das US-Magazin New Yorker sprach später von einer strategischen Selbstkastration und stellte die Frage, ob der Generalsekretär überhaupt noch als Bündnispartner auf Augenhöhe wahrgenommen werde.
Pistorius wies die Kritik im vorab veröffentlichten Spiegel-Gespräch zurück. Rutte gelange „mit seiner Art gegenüber dem US-Präsidenten immer wieder zu Ergebnissen, die im Interesse aller sind“, so der SPD-Politiker. Auf die Frage, ob sich der Niederländer vor Trump wegwerfe, antwortete er knapp: „So nehme ich es nicht wahr.“ Rutte war in der Vorwoche in Washington bei Trump vorstellig geworden und hatte dem Präsidenten dabei eine Grafik überreicht, die die gestiegenen Verteidigungsausgaben der europäischen Alliierten dokumentiert.
Mit seiner Art gegenüber dem US-Präsidenten gelangt er immer wieder zu Ergebnissen, die im Interesse aller sind.
Der Zeitpunkt der Rückendeckung fällt mit einer neuen Trump-Attacke zusammen. In einem Beitrag auf Truth Social griff der US-Präsident am Freitag Deutschland, Großbritannien und Italien namentlich an und nannte deren Verteidigungsbeiträge „lächerlich“. Trump listete Zahlen auf, die einem Nato-Bericht aus dem Jahr 2025 ähneln, benannte aber keine konkrete Quelle. Ziel des Vorstoßes, so ordnet t-online den Beitrag ein, sei es, den Druck vor dem Gipfel am 7. und 8. Juli in Ankara zu erhöhen.
Fünf-Prozent-Ziel überschattet Ankara
Das Treffen im Beştepe-Präsidentenpalast steht ganz unter dem Zeichen der in Den Haag beschlossenen neuen Zielmarke. Bis 2035 sollen alle Alliierten fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Verteidigung und Sicherheit stecken. Spanien und die Slowakei haben bereits erklärt, dass sie die Vorgabe nicht mittragen. Die USA selbst haben sich als Bündnisführer nicht auf das Ziel festgelegt. Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) dürfte Ankara daher eher der Schadensbegrenzung dienen als einer strategischen Neuausrichtung.
Für Berlin ist die Position heikel. Deutschland liegt bei den Verteidigungsausgaben inzwischen über der bisherigen Zwei-Prozent-Marke, gehört aber wie Frankreich und Italien zu jenen Staaten, die keinen belastbaren Pfad zur neuen Vorgabe vorgelegt haben. Pistorius hatte im selben Spiegel-Interview erklärt, der Krieg in der Ukraine sei „in eine potenziell entscheidende Phase“ eingetreten und Kiew brauche zusätzliche Mittel für die Rüstungsproduktion. Rückendeckung für Rutte ist damit auch Rückendeckung für einen Kurs, mit Trump um jeden Preis im Gespräch zu bleiben.
Für Rutte selbst wird Ankara der erste größere Auftritt vor der US-Delegation seit dem Daddy-Vorfall. Ob seine Trump-Ansprache trägt, dürfte am Kommuniqué zu messen sein: einer Formulierung, die der US-Präsident unterschreibt und die die Europäer nicht zu neuen Zusagen zwingt, die sie ohnehin nicht einhalten können.