Wie wir am Wahlabend berichteten, weist die ARD-Hochrechnung die AfD in Sachsen-Anhalt bei 44,4 Prozent aus, die CDU bei 18,3. Kaum standen die Zahlen im Raum, meldeten sich am Sonntagabend jüdische Verbände, die evangelische Kirche und Holocaust-Überlebende zu Wort - mit teils drastischen Formulierungen. Und aus Washington kam ein Signal ohne Text: US-Präsident Donald Trump teilte um 19:57 Uhr auf Truth Social eine Grafik mit dem AfD-Balken bei 44,1 Prozent, kommentarlos.

Am schärfsten reagierte Charlotte Knobloch. Die 93-jährige Holocaust-Überlebende und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden sagte gegenüber der Jüdischen Allgemeinen: „Dass Rechtsextreme in Deutschland in dieser Art wieder Wahlen gewinnen, das hätte ich mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können.“ Das Ergebnis sei „ein Zeichen, dass die Statik der Demokratie in unserem Land nicht mehr funktioniert“. Zentralratspräsident Josef Schuster erklärte, er sei „persönlich entsetzt“; eine als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei sei „in einem deutschen Bundesland nur noch knapp von der Alleinherrschaft entfernt“. Schuster warnte besonders vor dem AfD-Zugriff auf die Bildungspolitik.

Das macht mir Angst.
- Charlotte Knobloch, ehemalige Zentralratspräsidentin, Jüdische Allgemeine

Kirchen, Auschwitz-Komitee, Landesbischof

Für die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sprach Landesbischof Friedrich Kramer im ARD-Brennpunkt. Das Ergebnis zeige, „dass ein Riss tief durch die Gesellschaft geht“, sagte Kramer. „Ob wir wieder zusammenkommen, wird schwierig.“ Wer nun Regierungsverantwortung übernehme, werde es „schwer haben, eine Regierung zu bauen, die alle mitnimmt“. Kramer kündigte an, seine Kirche werde „an der Seite derer bleiben, die an den Rand gedrängt werden“ und in jedem Dorf präsent bleiben. Das Internationale Auschwitz Komitee meldete sich über Eva Umlauf zu Wort. Die 83-jährige Überlebende sagte laut kirche-und-leben.de: „Auf welchem Weg ist Deutschland? Dem Weg, den es schon einmal gegangen ist?“ Überlebende hätten „nie geglaubt“, dass in einem deutschen Landtag noch einmal eine rechtsextreme Partei stärkste Kraft werde.

Trump ohne Worte, AfD-Führung mit Auftrag

Der Beitrag Donald Trumps blieb wortlos: eine dpa-getreue Grafik mit 44,1 Prozent AfD, gepostet knapp zwei Stunden nach der 18-Uhr-Prognose, gelistet zwischen anderen Sonntagabend-Postings des US-Präsidenten. Kommentiert wurde er in Deutschland dennoch schnell - auch, weil sich die AfD seit Monaten sichtbar den US-Republikanern annähert. AfD-Bundeschefin Alice Weidel sprach am Abend in der ARD von einem „ganz klar“ formulierten Regierungsauftrag; Fraktionschef Tino Chrupalla setzte im ZDF nach: „Friedrich Merz wollte uns halbieren, jetzt haben wir die CDU halbiert.“ Bis zum Vorliegen des vorläufigen amtlichen Endergebnisses und der Frage, ob das BSW an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert, sortieren sich diese Reaktionen zu einem Bild, das über den Wahlabend hinausreicht.