Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) hat am Mittwochmorgen in Berlin seinen Jahresbericht für 2025 vorgelegt. Die Meldestelle registrierte im vergangenen Jahr bundesweit 8.725 antisemitische Vorfälle - durchschnittlich 24 pro Tag und damit minimal mehr als 2024. Gegenüber 2022, dem letzten Jahr vor dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, hat sich die Zahl der dokumentierten Vorfälle mehr als verdreifacht. Eine Trendwende bleibt aus, der Bericht spricht von einem „persistierend hohen Niveau“.

RIAS-Geschäftsführer Benjamin Steinitz machte bei der Vorstellung deutlich, dass die Zahlen nicht den ganzen Befund abbilden. „Antisemitismus trifft Jüdinnen und Juden im Alltag“, sagte er in Berlin. „Das bedroht unsere demokratische Kultur als Ganzes.“ Knapp 68 Prozent der erfassten Vorfälle ordnet der Bundesverband dem israelbezogenen Antisemitismus zu, gut ein Viertel ereignete sich im digitalen Raum. 178 Angriffe und 257 Bedrohungen sind separat ausgewiesen, dazu kommen 807 als rechtsextrem klassifizierte Vorfälle - der höchste Wert, seit RIAS die Kategorie 2020 statistisch trennt.

Online-Vorfälle wachsen schneller als die Gesamtzahl

Stärker als die Gesamtsumme veränderte sich 2025 die Verteilung. 27 Prozent aller Vorfälle dokumentierte RIAS im digitalen Raum, nach 23 Prozent im Vorjahr. Bei den Bedrohungen lag der Online-Anteil bei 43 Prozent, darunter Morddrohungen und Aufrufe zu Gewalt. Steinitz forderte, die Bundesregierung müsse auf EU-Ebene auf die konsequente Durchsetzung des Digital Services Act drängen. „Durch diese Anfeindungen und Bedrohungen werden Jüdinnen und Juden in ihrer Teilhabe auf Online-Plattformen eingeschränkt“, erklärte er gegenüber dem RIAS-Pressedienst. Plattformbetreiber kämen ihren Pflichten nicht ausreichend nach, der Schutz Betroffener bleibe lückenhaft.

Antisemitismus trifft Jüdinnen und Juden im Alltag. Das bedroht unsere demokratische Kultur als Ganzes.
- Benjamin Steinitz, RIAS-Bundesverband

Schuster, Fehrs, Klein: einhellige Reaktion aus Politik und Kirche

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, nannte die täglich 24 dokumentierten Fälle gegenüber dem Tagesspiegel eine „bedrückende Realität“. Antisemitismus habe sich „auf Rekordniveau in unserer Gesellschaft festgesetzt“. Auch der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, würdigte die Arbeit der Meldestelle: Die RIAS-Dokumentation sei „unverzichtbar, um die Entwicklungen klar zu erkennen“. Aus den Kirchen kam vergleichbarer Befund: Kirsten Fehrs, Ratsvorsitzende der EKD, sprach von einem „Angriff auf unsere Demokratie“ und mahnte „sichtbare Solidarität“ der Christinnen und Christen mit Jüdinnen und Juden an.

Politisch trifft der Bericht auf eine Lage, in der die Bundesregierung den Schutz jüdischen Lebens zur Chefsache erklärt hat. Innenministerium und Justizministerium hatten zuletzt eine Erweiterung der Strafverfolgung digital geäußerter Volksverhetzung angekündigt. Steinitz forderte am Mittwoch zusätzlich eine langfristige Finanzierung zivilgesellschaftlicher Meldestellen. RIAS wertet Vorfälle aus, die unterhalb der polizeilichen Anzeigeschwelle bleiben, und ist in elf Bundesländern aktiv; die Zahlen liegen seit Jahren deutlich über den Erfassungen des Bundeskriminalamts.

Strukturell unterscheidet der Bericht zwischen israelbezogenem, verschwörungsideologischem, rechtsextremem, links-antiimperialistischem, islamischem und christlichem Antisemitismus. 57 Prozent der Vorfälle ließen sich 2025 keiner einzelnen Kategorie eindeutig zuordnen. Das Feindbild „Zionismus“ spielte in der Begründung antisemitischer Gewalt nach RIAS-Lesart eine zentrale Rolle. Selbstausgrenzung Betroffener - aus Synagogen, von Plattformen, aus dem öffentlichen Raum - dokumentiert der Bericht erstmals systematisch und wertet sie als „indirekte Folge der Bedrohungslage“, die in der Statistik nicht sichtbar wird.