Russland hat die Ukraine in der Nacht zum Mittwoch mit einem der längsten Luftangriffe seit Beginn des Krieges überzogen. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe wurden 675 Drohnen und 56 Raketen abgefeuert, davon fingen die Streitkräfte 652 Drohnen und 41 Raketen ab. Die Militärverwaltung in Kiew zählte 38 direkte Einschläge an 24 Standorten und Trümmerschäden an 18 weiteren Punkten. In der Hauptstadt starb mindestens ein Mensch, 16 weitere wurden verletzt, wie t-online unter Berufung auf die Behörden berichtet. Aus einem teilweise eingestürzten Wohnhaus bargen Rettungskräfte zehn Verschüttete.

Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete die Welle als „Terror“. In einer Stellungnahme, die der Tagesspiegel zitiert, sagte er: „Das sind ganz sicher nicht die Taten derer, die glauben, der Krieg gehe zu Ende.“ Neben Kiew traf der Angriff laut ukrainischer Luftwaffe auch Saporischschja, Dnipro, Charkiw und Cherson. Ungewöhnlich sei, dass Russland auch tagsüber Drohnen einsetze, schreibt t-online - eine Taktik, die die Luftverteidigung der Ukraine zusätzlich belaste.

Das sind ganz sicher nicht die Taten derer, die glauben, der Krieg gehe zu Ende.
- Wolodymyr Selenskyj, ukrainischer Präsident

Nach kurzer Waffenruhe sofort wieder Eskalation

Die Angriffsserie begann unmittelbar nach Ablauf einer dreitägigen Waffenruhe, die Russland für seine Feierlichkeiten zum 9. Mai ausgerufen hatte. Seit dem 12. Mai zählt die ukrainische Luftwaffe nach Angaben des Tagesspiegels mehr als 1.560 eingesetzte Drohnen. Aus dem Kreml kamen keine Konzessionen: Sprecher Dmitri Peskow wiederholte am Mittwoch die russische Vorbedingung, dass die Ukraine ihre Truppen vollständig aus den Gebieten Donezk und Luhansk abziehen müsse, bevor Verhandlungen über eine Feuerpause beginnen könnten.

Selenskyj nutzte die Eskalation für einen außenpolitischen Appell. Während US-Präsident Donald Trump zu einem Staatsbesuch in China eintraf, forderte der ukrainische Präsident Trump dazu auf, Peking zur Aufgabe seiner Unterstützung Russlands zu drängen. Der Zeitpunkt der russischen Welle, so Selenskyj, sei „sicher kein Zufall“. Aus Berlin äußerte sich Außenminister Johann Wadephul (CDU) zu den massiven Luftschlägen und versicherte der Ukraine erneut die Unterstützung der Bundesregierung; aus seiner Sicht handelt es sich bei der Eskalation um Anzeichen von „Panik“ aus Moskau, wie er bereits zuvor in einem Statement formulierte, das der Tagesspiegel dokumentiert.

Parallel testete Russland nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau die neue Hyperschallrakete RS-28 Sarmat, die noch in diesem Jahr in Dienst gestellt werden soll. Die ukrainische Regierungschefin Julija Swyrydenko warf der russischen Führung vor, gezielt zivile Infrastruktur und Wohngebäude anzugreifen. Die Bilanz der Nacht: zerstörte Wohnhäuser, brennende Dächer in mehreren Stadtteilen, ein Toter, mehr als zwei Dutzend Verletzte - und keinerlei Indizien dafür, dass die seit Wochen kursierenden Verhandlungssignale aus Washington den Krieg tatsächlich näher an ein Ende bringen.