Fünf Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die AfD ihren Spitzenwert der vergangenen Wochen erstmals eingebüßt. Das ZDF-Politbarometer Extra der Forschungsgruppe Wahlen sieht die Partei von Spitzenkandidat Ulrich Siegmund am 28. August bei 40 Prozent - drei Punkte weniger als in der Civey-Erhebung vom 25. August und zwei Punkte unter der Infratest-dimap-Umfrage vom 26. August für die ARD. Rund 1,8 Millionen Wahlberechtigte sind am 6. September zur neunten Landtagswahl aufgerufen.

In allen drei Umfragen bleibt die AfD klar stärkste Kraft, die CDU von Ministerpräsident-Kandidat Sven Schulze folgt mit 22 bis 23 Prozent, die Linke liegt bei 11 bis 13 Prozent, die SPD bei 7 bis 9 Prozent. Grüne, FDP und BSW rangieren zwischen drei und sechs Prozent, mehrere Parteien zittern damit um den Einzug in den Landtag. „Die aktuelle Umfrage ist demnach ein kleiner Dämpfer für die Partei“, schreibt t-online mit Blick auf den AfD-Rückgang. Für die von Siegmund ausgerufene Alleinregierung mit „45 Prozent plus X“ reicht der Vorsprung nicht - in der Ministerpräsidentenfrage liegt Amtsinhaber Schulze vor dem AfD-Bewerber.

Simson-Konvoi und „Alles wird gut“

Siegmund führt seit Wochen einen ungewöhnlich weichgezeichneten Wahlkampf, den ZDFheute in einem Portrait vom 29. August als „personifizierte Selbstverharmlosung“ einer Partei beschreibt, die der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt bereits 2023 als gesichert rechtsextrem eingestuft hat. Auf Plakaten wirbt der 35-Jährige mit dem Slogan „Alles wird gut“, zum Auftakt rollte ein Konvoi aus Simson-Mopeds mit Deutschlandfahnen durchs Land, Parteichefin Alice Weidel war persönlich dabei. Auf seine Nähe zum Potsdamer Rechtsextremisten-Treffen 2023 angesprochen, spricht Siegmund von einem „Potsdamer Kaffeekränzchen“, frühere Verbindungen etwa zu ehemaligen HDJ-Kadern wischt er als „Jugendsünden“ beiseite.

Wir reden immer über den Abstand, den wir halten zur AfD.
- Lydia Hüskels, FDP-Spitzenkandidatin, ZDF-Liveticker vom 1. September 2026

Auch die demokratischen Parteien kämpfen im Endspurt mit sich selbst. FDP-Spitzenkandidatin Lydia Hüskels kritisierte am Montag im ZDF-Liveticker, dass inhaltliche Debatten in der heißen Phase untergehen: „Wir reden immer über den Abstand, den wir halten zur AfD.“ Grünen-Chef Felix Banaszak warf Kanzler Friedrich Merz vor, sich vor Wählerinnen und Wählern zu verstecken: „Ja, Friedrich Merz macht Wahlkampf ohne Wähler.“ Der CDU-Vorsitzende hatte zuvor in Quedlinburg mehrere geschlossene Formate absolviert, statt auf den Marktplatz zu gehen - was der Metallarbeiter Tobias Richter, 39, dort gegenüber ZDF-Reportern so quittierte: „Merz soll sich zeigen.“

Rekord bei der Briefwahl

Wie weit die Nervosität reicht, zeigt der Briefwahl-Trend: Bis zum 25. August lagen laut Landeswahlleitung rund 335.000 Anträge auf Briefwahlunterlagen vor, etwa 20 Prozent aller Wahlberechtigten - deutlich mehr als zur gesamten Landtagswahl 2021. Selbst wenn die AfD ihren Vorsprung hält, bleibt nach Einschätzung der Forschungsgruppe Wahlen offen, wer am Ende regiert: eine Alleinregierung der AfD, eine breite Koalition ohne die AfD oder eine CDU-geführte Minderheitsregierung sind rechnerisch alle noch drin. Klar ist nur, dass Sachsen-Anhalt in der Nacht zum Sonntag ein Signal weit über Magdeburg hinaus setzen wird.