Wie wir am Wahlnachmittag berichteten, sah die 18-Uhr-Prognose die AfD in Sachsen-Anhalt bei 44 Prozent. Die Hochrechnungen von ARD und ZDF haben das Bild seither nicht mehr korrigiert, sondern gehärtet: Um 19:54 Uhr weist die ARD-Hochrechnung die AfD bei 44,4 Prozent aus, die CDU bei 18,3 Prozent. Die Linke landet bei 9,2, die SPD bei 8,6, die Grünen bei 8,4 Prozent. Das BSW zittert an der Fünf-Prozent-Hürde und liegt bei 4,8 Prozent, die FDP ist mit 2,4 Prozent klar draußen.

Für den bislang regierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze ist das der schlechteste Wert, den die CDU je in Sachsen-Anhalt geholt hat. Der Amtsinhaber räumte im Landtag von Magdeburg die Niederlage ein: „Es ist für uns eine Niederlage“, sagte Schulze am Abend. „So einen Wahlkampf, wie wir ihn hier erlebt haben, den gab's vorher noch nicht.“ AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hatte in der ARD-Berliner-Runde zuvor gesagt: „Wir haben in diesem Land Geschichte geschrieben.“ AfD-Fraktionschef Tino Chrupalla ergänzte im ZDF: „Wir haben die CDU halbiert.“

Die Wahlbeteiligung liegt nach Angaben der ARD bei rund 80 Prozent - gegenüber 60,3 Prozent im Jahr 2021 ein Sprung von knapp 20 Punkten. Der Landesverband der AfD ist vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Siegmund selbst hat die Abschaffung der Behörde in einem Podcast im August ins Gespräch gebracht.

Friedrich Merz war ein sehr guter Wahlkämpfer für uns.
- Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat, am Wahlabend in der ARD

Siegmund und die Regierungsfrage

Auffällig ist der Ton, in dem Siegmund die Regierungsfrage angeht. In der ARD wertete er das Ergebnis als „Zeichen in Richtung Berlin“ und attackierte Kanzler Friedrich Merz: Merz sei „ein sehr guter Wahlkämpfer“ der AfD gewesen, jeder Tag mit ihm im Kanzleramt sei einer zu viel. Zugleich rückte Siegmund im Verlauf des Abends von einer harten Absage an Koalitionsverhandlungen ab. „Wir werden allen politischen Kräften die Hand ausstrecken, die mit uns eine politische Kehrtwende machen wollen“, sagte er. AfD-Bundeschefin Alice Weidel sprach von einem „ganz klar“ formulierten „Regierungsauftrag“.

Rechnerisch bleibt eine Mehrheit ohne die AfD schwierig. In der Sitzverteilung, die Infratest dimap am Abend modellierte, kommen die 44,4 Prozent der AfD auf rund 39 Mandate. Zieht das BSW an der Hürde vorbei, hätten CDU, SPD, Grüne und Linke zusammen keine eigene Mehrheit gegen ein rot-blau-türkises Lager aus AfD und BSW. Fällt das BSW aus dem Landtag, reicht es für die anderen vier Fraktionen knapp - was das Zittern um die 4,8 Prozent zur eigentlichen Koalitionsfrage der Nacht macht. BSW-Spitzenkandidatin Claudia Wittig warb dafür, „einen überparteilichen Ministerpräsidenten“ zu suchen.

Berlin sortiert sich

In Berlin fielen die ersten Reaktionen entsprechend schwer. „Das Ergebnis ist eine Zäsur, das ist ein Abend, der mich betrübt“, sagte SPD-Chef Lars Klingbeil in der ARD. CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann versuchte gleichzeitig, das Erdbeben von Magdeburg vom Kanzleramt fernzuhalten. Es werde am Sonntag „keine Diskussion“ über Merz und die Bundesregierung geben, sagte sie in der ARD. Linke-Spitzenkandidatin Eva von Angern kommentierte: „Ich bin vor allem über den blauen Balken sehr enttäuscht.“ Grünen-Chef Felix Banaszak nannte das voraussichtliche Ergebnis seiner Partei das beste bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

Bis zum Vorliegen des vorläufigen amtlichen Endergebnisses und einer belastbaren Sitzverteilung dürfte der Abend im Magdeburger Landtag noch dauern. Die Koalitionsverhandlungen dagegen beginnen faktisch am Montag - und ihr Ausgang wird nicht nur die Landesregierung neu sortieren, sondern auch der schwarz-roten Bundesregierung eine unbequeme Frage stellen.