Fünf Wochen vor der Landtagswahl am 6. September verfestigt sich in Sachsen-Anhalt das Bild eines Wahlkampfs mit nur einem Führenden. Sowohl die aktuelle INSA-Erhebung im Auftrag von Focus als auch eine neue Infratest-dimap-Umfrage für MDR, WDR, Mitteldeutsche Zeitung und Volksstimme sehen die AfD mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund unverändert bei 41 Prozent. Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze liegt in beiden Umfragen abgeschlagen bei 24 Prozent.

INSA befragte zwischen dem 14. und 21. Juli 1.000 Wahlberechtigte, die Ergebnisse wurden von Focus Online veröffentlicht. Die Linke kommt demnach auf 14 Prozent, während SPD, Grüne, BSW und FDP jeweils zwischen vier und fünf Prozent liegen - die Sozialdemokraten damit hart an der Fünf-Prozent-Hürde. Für die derzeit regierende Kenia-Koalition aus CDU, SPD und FDP reicht das rechnerisch nicht mehr.

„Parlamentarische Mehrheiten setzen über 42 Prozent voraus. Sollte auch die SPD an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, hätte die AfD realistische Chancen auf eine parlamentarische Mehrheit“, sagte INSA-Chef Hermann Binkert Focus Online zur Auswertung. In einem Landtag mit nur drei oder vier Fraktionen könnte ein Ergebnis um die 40 Prozent für die absolute Sitzmehrheit reichen.

Parlamentarische Mehrheiten setzen über 42 Prozent voraus. Sollte auch die SPD an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, hätte die AfD realistische Chancen auf eine parlamentarische Mehrheit.
- Hermann Binkert, INSA-Chef, gegenüber Focus Online

Siegmund pocht auf Alleinregierung

Siegmund, seit 2016 Landtagsabgeordneter und seit August 2022 gemeinsam mit Oliver Kirchner Fraktionsvorsitzender, hält an dem Ziel einer AfD-Alleinregierung fest. In einem Interview mit dem AfD-nahen Deutschland-Kurier vom 1. August formulierte er sein Wahlziel mit mindestens 45 Prozent - und schloss zugleich Koalitionen mit den etablierten Parteien aus. „Faule Kompromisse oder Wackelregierungen wird es mit mir nicht geben“, sagte Siegmund dort. Offen ließ er lediglich die Möglichkeit, sich mit Stimmen aus der CDU-Fraktion zum Ministerpräsidenten wählen zu lassen.

Diese Option ist rechnerisch weniger abwegig, als sie klingt. Wie t-online berichtet, hält die CDU zwar an ihrem Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber AfD und Linkspartei fest, doch bei geheimer Abstimmung im Landtag lässt sich Fraktionsdisziplin schwer garantieren. Ein Szenario, in dem Siegmund im dritten Wahlgang mit einfacher Mehrheit und einzelnen CDU-Stimmen ins Amt kommt, gilt in Magdeburg als eine der ernsthaft diskutierten Varianten.

Schulzes schwieriger Start

Für die CDU verschärft sich damit das Dilemma. Sven Schulze löste erst Ende Januar den langjährigen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff ab, der 2025 einen erneuten Antritt abgelehnt hatte. In den INSA-Erhebungen trauen 63 Prozent der Befragten Schulze nicht zu, die Probleme des Landes zu lösen, nur 25 Prozent bezeugen ihm Vertrauen. Siegmund kommt bei derselben Frage auf 38 Prozent Zustimmung und 53 Prozent Ablehnung.

Der Landesverband der AfD in Sachsen-Anhalt wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Der Politikwissenschaftler David Begrich, der die Partei seit Jahren beobachtet, beschrieb in der Wochenzeitung Freitag Siegmunds Auftreten als „personifizierte Selbstverharmlosung der AfD“: Grillfeste, TikTok-Videos und Simson-Ausfahrten sollten den Charakter des Landesverbandes überdecken und in der Fläche neue Wählerschichten erschließen.

Die Wahl am 6. September entscheidet nicht allein über Magdeburg. Sollte die AfD tatsächlich zur stärksten Fraktion werden und die Union in eine Minderheitsregierung oder ein Duldungsverhältnis mit der Linkspartei zwingen, wäre die Signalwirkung auf die Berliner Koalitionsarithmetik erheblich - schon jetzt kalkulieren Union und SPD im Bund einen möglichen Osten-Effekt in ihre Strategie ein. Die verbleibenden fünf Wochen dürften den Wahlkampf weiter polarisieren.