Am Sonntag wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag - und die Frage ist längst nicht mehr, ob die AfD stärkste Kraft wird, sondern wie groß ihr Vorsprung ausfällt. Nach dem ZDF-Politbarometer vom 28. August kommt die Partei auf 40 Prozent, die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze auf 23 Prozent. Die Linke liegt bei 13 Prozent, die SPD bei 9, die Grünen knapp über der Fünf-Prozent-Hürde, FDP und BSW jeweils bei 3 Prozent. Das amtierende Bündnis aus CDU, SPD und FDP verliert damit rechnerisch seine Mehrheit.

Der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund gibt „45 plus X“ als Ziel aus - genug für eine absolute Mehrheit der Sitze. Käme er dort an, wäre der 35-Jährige aus Tangermünde nicht nur der jüngste Ministerpräsident der Bundesrepublik, sondern der erste, den die AfD in einem Land stellen würde. Rund 1,69 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen.

Am Dienstagabend trafen Schulze und Siegmund im Livestream von Mitteldeutscher Zeitung und Volksstimme aufeinander. Moderiert wurde das Duell unter dem Titel „Vor der Entscheidung“ vom Landtagskorrespondenten der MZ, Hagen Eichler, und vom stellvertretenden Volksstimme-Chefredakteur Michael Bock. Beide Redaktionen sprachen anschließend von einem intensiven Schlagabtausch über Migration, Wirtschaft und den Lehrermangel im Land - jene Themen, die Wählerinnen und Wähler laut Umfragen umtreiben.

Wir holen uns unser Land zurück.
- Oliver Kirchner, AfD-Fraktionschef, bei einer Wahlkampfveranstaltung in Magdeburg

Ein Kandidat, der lächelt - und Zweifel offenlässt

Siegmund tritt im Wahlkampf betont freundlich auf, mit Slogans wie „Alles wird gut“ und Selfie-Schlangen an den Ständen. In einem Porträt des ZDF-Magazins frontal vom 29. August zeichneten die Reporter David Gebhard und Julia Theres Held das Bild eines Politikers, der harte Positionen in Ruhetonlage verpackt. Auf Fragen zur Nazizeit sagte Siegmund dort: „Das maße ich mir nicht an, zu bewerten.“ Seine Teilnahme am Treffen von Rechtsextremisten in Potsdam im November 2023 nannte er ein „Potsdamer Kaffeekränzchen“.

Der Landesverband der AfD in Sachsen-Anhalt wird vom Verfassungsschutz seit 2023 als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft. Der Spiegel titelte im August auf dem Cover, Siegmund sei „der gefährlichste Mann Deutschlands“ - Siegmund druckte das Bild für seinen Wahlkampf nach. Auf TikTok folgen ihm nach eigenen Angaben mehr als 820.000 Nutzer, auf Instagram über 600.000.

Persönlich vorn: Schulze

Trotz des großen Vorsprungs seiner Partei liegt Siegmund persönlich hinter dem Amtsinhaber. Im aktuellen Politbarometer-Extra wollen 48 Prozent Schulze als Ministerpräsident, 32 Prozent Siegmund. Der CDU-Politiker zog am Donnerstag mit Currywurst-Aktionen und hessischer Unterstützung durch die Städte, während Bundes-CDU-Chef Friedrich Merz und AfD-Chef Tino Chrupalla in Magdeburg auftraten. Auch die Linke setzte auf prominente Verstärkung: In der Landeshauptstadt sprachen Gregor Gysi und Dietmar Bartsch für Spitzenkandidatin Eva von Angern. „Diese wird es in Sachsen-Anhalt nicht geben“, sagte von Angern mit Blick auf eine mögliche AfD-geführte Regierung.

Kurz vor dem Wahltag sorgt zudem eine Manipulation für Aufregung: In sozialen Medien kursierte eine gefälschte MZ-Umfrage, die die AfD bei 46 Prozent sah. Mitteldeutsche Zeitung und das Institut Insa stellten klar, dass die Erhebung nie stattgefunden habe, und prüfen rechtliche Schritte gegen die Verbreitung. Am Wahlabend entscheidet sich, ob der Vorsprung der AfD in Regierungsverantwortung mündet - oder ob Schulze eine Koalition zimmern kann, in der die AfD nicht sitzt.