Marktplatz Oranienbaum, Donnerstag. Fabian Köster, 31, Reporter der ZDF-„Heute-Show“, tritt am AfD-Wahlkampfstand vor Ulrich Siegmund, den Spitzenkandidaten der Partei für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die Begrüßung fällt noch freundlich aus, Handschlag und Lächeln, wie die Berliner Zeitung beschreibt. Was in den folgenden gut drei Minuten passiert, veröffentlicht Siegmund am selben Abend als geschnittenes Video auf Instagram. Bis Freitagmittag zählt der Post mehr als 1,4 Millionen Aufrufe.
Köster bringt die Themen mit, die den AfD-Landesverband in den vergangenen Wochen begleitet haben: die frühere Hitlerjugend-Nachfolgeorganisation HDJ, in der ein Pressemitarbeiter Siegmunds Mitglied gewesen sein soll, das DDR-Hymnen-Singen eines früheren Kandidaten und die unfinanzierte Lücke im 100-Tage-Programm der Partei. „Sie singen die DDR-Hymne - müssen Sie sich langsam nicht mal entscheiden, von welcher Diktatur Sie Fan sind?“, zitiert die Wetterauer Zeitung den Reporter. Zum Fachkräftemangel setzt Köster nach: „Wenn Sie jetzt einen Schlaganfall kriegen, sollen wir warten, bis ein blonder, blauäugiger Arzt kommt?“
Hier zerschellt der öffentlich-rechtliche Rundfunk an der Realität.
Siegmund weicht aus. „Das war jetzt so ein bisschen schwach, ehrlich gesagt. Ich dachte, Sie sind kreativ“, antwortet er auf die DDR-Hymnen-Frage. Die Arzt-Provokation kontert er scharf: „Also, ich dachte, es wird witzig, aber das ist ja wirklich unterste Schublade.“ Dann dreht er die Rollen und stellt Köster die Frage, mit der er in seinem Kanal später schließen wird: „Was machen Sie denn, wenn der Rundfunkvertrag weg ist?“ Auf die Nachfrage nach eigenen Kindern antwortet Köster laut Berliner Zeitung: „Nein, ich bin selbst noch ein Kind.“ Für Siegmund die Vorlage zum Abgang.
„Wir holen uns unser Land zurück“
Mit einem Klaps auf Kösters Schulter verabschiedet Siegmund den Reporter: „Wir holen uns unser Land zurück, liebe Freunde, jetzt muss ich weg.“ Als Bildunterschrift zu seinem Instagram-Video wählt er den Satz „Hier zerschellt der öffentlich-rechtliche Rundfunk an der Realität“. Die Wetterauer Zeitung dokumentiert, dass die veröffentlichte Schnittfassung ausgerechnet Kösters Fragen zur HDJ-Mitgliedschaft und zur Finanzierungslücke von rund 2,2 Milliarden Euro pro Jahr im AfD-Programm nicht enthält.
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt findet am 6. September statt, in gut zwei Wochen. Aktuelle Umfragen sehen die AfD mit rund 39 bis 41 Prozent als stärkste Kraft, deutlich vor der CDU um Ministerpräsident Reiner Haseloff. Der Landesverband der Partei wird vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestuft. Kösters Kurzauftritt reiht sich damit in eine „Heute-Show“-Wahlkampfrecherche ein, deren Wirkung sich in Oranienbaum ins Gegenteil verkehrt hat: Das Rohmaterial läuft in Siegmunds Regie und in seiner Reichweite.