Die Rücktrittsforderungen an Jens Spahn kommen jetzt aus dem Sauerland. Die CDU im Brilon, dem Heimatverband von Bundeskanzler Friedrich Merz, hat den Unionsfraktionschef in einem offenen Brief zum Rücktritt aufgefordert. Anlass ist die vor wenigen Tagen bekannt gewordene Elternschaft Spahns und seines Ehemanns über ein in den USA von einer Leihmutter zur Welt gebrachtes Kind - ein Verfahren, das in Deutschland verboten ist und das der CDU-Parteitag im Februar 2026 ausdrücklich als „vollständig verboten, unabhängig von der Motivation“ bekräftigt hatte.
„Im Interesse der Glaubwürdigkeit unserer Partei sowie des Vertrauens unserer Mitglieder und Wähler fordern wir Jens Spahn auf, die politischen Konsequenzen zu ziehen und von seinem Amt als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zurückzutreten“, heißt es in dem Schreiben, das t-online im Wortlaut vorliegt. Dass die Forderung ausgerechnet aus Merz' Heimatverband kommt, gilt in Berlin als besonders belastend. Weitere CDU-Kreisverbände und einzelne prominente Mitglieder haben sich in den vergangenen 24 Stunden angeschlossen.
Bosbach: Kannst dich nicht selbst suspendieren
Auch Wolfgang Bosbach, langjähriger CDU-Innenpolitiker und Parteirechter, ging Spahn öffentlich an. „Du kannst dich doch nicht selber von ethischen Standards suspendieren, die du über Jahre vertreten hast“, sagte Bosbach in der Sendung Toppnews. Er nannte das Vorgehen des Fraktionschefs „hochproblematisch“ und warnte, die Union könne sich eine „monatelange Debatte“ über die Führung nicht leisten. Zugleich mahnte Bosbach im Interview mit der Rheinischen Post, dass die Einsicht bei Spahn selbst reifen müsse - tägliche Rücktrittsforderungen von außen seien nicht hilfreich.
Du kannst dich doch nicht selber von ethischen Standards suspendieren, die du über Jahre vertreten hast.
Merz rückt öffentlich ab
Bundeskanzler Friedrich Merz, der Spahn noch am Mittwoch privat zur Geburt gratuliert hatte, distanzierte sich am Freitag erstmals öffentlich. Deutschland habe „klare Gesetze“ zum Verbot der Leihmutterschaft und die CDU einen entsprechenden Parteitagsbeschluss, sagte Merz laut Berichten von ZDFheute; einen Grund, an beidem etwas zu ändern, sehe er nicht. Damit hat der Kanzler seinen Fraktionschef politisch isoliert, ohne selbst Rücktritt zu fordern. Für Montag ist eine Sitzung des CDU-Präsidiums angesetzt; in der Fraktion wird intern bereits diskutiert, ob Spahn bis dahin noch im Amt sein wird, wie ZDFheute unter Berufung auf mehrere Teilnehmer berichtet.
Spahn selbst hat einen Rücktritt bislang nicht ausgeschlossen. Im Podcast des Journalisten Paul Ronzheimer sagte der 46-Jährige, allein die Fraktion könne über sein weiteres Vorgehen entscheiden. Öffentlich verteidigte Spahn die Entscheidung, die er zuvor mit der Formulierung „lange mit mir gerungen“ begründet hatte. Ein Rückzug aus dem Fraktionsvorsitz nach nur wenigen Monaten wäre eine schwere Belastung für Merz, der die Union nach dem Wahlsieg im Frühjahr 2025 mit Spahn als Schlüsselfigur im Parlament positioniert hatte. Am Wochenende will Spahn nach eigenen Angaben Gespräche in der Fraktion führen; nach Informationen mehrerer Berliner Redaktionen könnte auf der Präsidiumssitzung am Montag eine Vorentscheidung fallen.