Unionsfraktionschef Jens Spahn und sein Ehemann Daniel Funke sind Väter geworden. Ihr Sohn Georg wurde von einer Leihmutter in den USA ausgetragen. Spahn machte die Nachricht am Mittwoch über die „Bild“-Zeitung öffentlich; Funke schrieb auf Instagram nur zwei Worte zum Familienfoto: „We Are Family“. Was privat eine Glücksbotschaft ist, wird für die CDU binnen Stunden zum politischen Problem: Der Fraktionschef nutzt einen Weg, den seine Partei erst im Februar per Bundesparteitagsbeschluss ausdrücklich abgelehnt hat.
Rechtlich hat sich Spahn nichts vorzuwerfen. Das Embryonenschutzgesetz von 1990 verbietet Leihmutterschaft in Deutschland, stellt aber nur Ärztinnen, Ärzte und Vermittler unter Strafe, nicht die Wunscheltern oder die austragenden Frauen selbst. Wer den Weg über die USA geht, wo kommerzielle Leihmutterschaft in mehreren Bundesstaaten legal ist, macht sich nicht strafbar. Die Kosten für ein solches Verfahren liegen laut übereinstimmenden Berichten regelmäßig im sechsstelligen Bereich.
Politisch trifft die Nachricht die Union an einer ihrer wundesten Stellen. Der CDU-Parteitag hatte im Februar 2026 in Stuttgart beschlossen: „Leihmutterschaft bleibt damit uneingeschränkt verboten, unabhängig von der Motivation.“ Spahn selbst hatte 2015 im Magazin „GQ“ gesagt: „Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden.“ Aus seinem Umfeld heißt es nun, aus dem Privatleben leite er grundsätzlich keine politischen Forderungen ab.
Wir haben als CDU den klaren Beschluss des Bundesparteitages, dass wir Leihmutterschaft ablehnen.
Der Vorsitzende der Senioren-Union, Hubert Hüppe, zeigte sich gegenüber dem „Spiegel“ „persönlich geschockt“ von Spahns Entscheidung und verwies auf die Grundsatzfrage, „ob man Frauen instrumentalisiert“. Sean Zielinski, stellvertretender Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), schrieb auf Instagram: „Wenn die CDU und CSU Leihmutterschaften aus ethischen Gründen ablehnen, dann sollte dieser Maßstab auch für ihre führenden Repräsentanten gelten.“ Eine Sprecherin der Frauen Union betonte, es gebe aus ihrer Sicht „auch künftig keinen Grund, an der geltenden Rechtslage in Deutschland beim Thema Leihmutterschaft etwas zu ändern“.
SPD sieht die Debatte plötzlich anders sortiert
In der SPD-Fraktion sortiert man die Lage anders. Rechtspolitikerin Carmen Wegge, Sprecherin für Recht und Verbraucherschutz, sagte dem „Spiegel“, sie habe „mit Überraschung“ festgestellt, „dass Jens Spahn von seiner Position zur Leihmutterschaft abgerückt ist“. Wegge plädiert für eine begrenzte Öffnung: „Eine Regelung muss dabei ausreichend Schutz vor Ausbeutung von Frauen sowie klare Regeln und Grenzen beinhalten.“ Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) hatte im Mai signalisiert, für eine Reform in der aktuellen Koalition sehe sie keine Mehrheit.
Damit prallt ein privates Familienfoto auf einen Parteitagsbeschluss, der wenige Monate alt ist. Ob Spahn den Konflikt aussitzen kann oder ob er die Debatte um eine „altruistische“ Leihmutterschaft in Deutschland doch anschiebt, entscheidet sich in den kommenden Wochen: in den Fraktionssitzungen, im Familienausschuss und im Verhältnis Spahns zu jenen Teilen seiner Partei, für die der Februar-Beschluss nicht verhandelbar ist.