Das Spiegel-Titelbild der aktuellen Ausgabe zeigt Ulrich Siegmund, den AfD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, unter der Zeile „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Seit dem Wochenende dominiert die Debatte darüber die Feuilletons und Politik-Ressorts der deutschen Medien. Am Sonntag hat sich Chefredakteur Dirk Kurbjuweit persönlich in die Kontroverse eingeschaltet und die Titelentscheidung öffentlich verteidigt.

In der Sonntagsausgabe des Spiegel-Morning-Briefings begründete Kurbjuweit die Wahl. „Relevanz ist unser oberstes Kriterium, nicht die Frage, wem eine Titelgeschichte nützt oder schadet“, zitiert ihn das Fachmagazin Horizont. Was Siegmund gefährlich mache, sei die „Kombination aus dem Anschlussfähigen und dem Extremen“; aus Sicht liberaler Demokraten sei er derzeit „der gefährlichste Mann Deutschlands“. Kurbjuweit berief sich zusätzlich auf das dem Spiegel-Gründer Rudolf Augstein zugeschriebene Motto „Sagen, was ist“.

Prominenteste Kritik kommt aus der Linken. Der frühere Fraktionschef und heutige Bundestagsabgeordnete Dietmar Bartsch nannte das Cover „unverantwortlich“ und „letztlich Wahlkampfhilfe für die AfD“. Ähnlich fiel die Bewertung aus dem eigenen Lager der Publizistik aus. Cicero-Chefredakteur Alexander Marguier bezeichnete die Titelgeschichte in einem Kommentar unter der Überschrift „Der nächste Rohrkrepierer aus Hamburg“ als „erstklassige Wahlkampfunterstützung für die AfD“ und warnte, sie könne Unentschlossene „reflexhaft zur AfD treiben“.

Relevanz ist unser oberstes Kriterium, nicht die Frage, wem eine Titelgeschichte nützt oder schadet.
- Dirk Kurbjuweit, Spiegel-Chefredakteur, im Morning Briefing vom 17. August 2026

Marguier attackierte auch die Substanz des Textes. „Skandalträchtige Enthüllungen finden sich jedenfalls an keiner Stelle des Textes“, schrieb er auf Cicero Online. Stattdessen dominierten den Bericht Beobachtungen von einem Fest 50 Kilometer entfernt vom eigentlichen Wahlkreis. Kurbjuweits Rechtfertigung sei „derart läppisch, als wäre sie von einem untertourigen Chatbot verfasst worden“.

Siegmund inszeniert sich als Werbeträger

Der AfD-Landeschef selbst nimmt das Cover als Geschenk. Ein Video, in dem Siegmund die Titelseite signiert, verbreitete er über Instagram; auf X postete er den Halbsatz, sollte die AfD bei der Wahl 46 Prozent erreichen, werde er verraten, „was wir dem Spiegel für dieses Cover gezahlt haben“. Auch Bundessprecherin Alice Weidel und der Bundesvorstand teilten das Bild in eigenen Kanälen. Das Titelbild kursiert längst nicht nur in Spiegel-Kanälen.

Für die Redaktion in Hamburg ist der Streit nicht neu. Der Spiegel hatte bereits 2024 mit einem AfD-Cover zur Europawahl vergleichbare Vorwürfe kassiert. Diesmal fällt die Debatte in eine besonders heikle Phase: In drei Wochen, am 6. September 2026, wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. In den aktuellen Umfragen liegt die AfD zwischen 41 und 43 Prozent - deutlich vor der CDU des amtierenden Ministerpräsidenten Reiner Haseloff, die um die 23 Prozent notiert. Siegmund strebt offen eine absolute Mehrheit an. Ob das Spiegel-Cover seiner Kampagne mehr Reichweite bringt oder das Warnsignal wirkt, das die Redaktion beabsichtigt hat, wird sich erst am Wahlabend abzeichnen.