Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am Samstagmittag bei der zentralen Feier zum 36. Jahrestag der Deutschen Einheit die Verteidigung der liberalen Demokratie zum Kernthema seiner Rede gemacht. Vor rund 1.000 geladenen Gästen im Bremer Konzerthaus Die Glocke sagte Steinmeier, es gehe nicht länger nur um politische Routine, sondern um die Selbstbehauptung der Demokratie. Die Veranstaltung wurde live im Ersten übertragen; unter den Zuhörern waren Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundestagspräsidentin Julia Klöckner und Richter des Bundesverfassungsgerichts.

Steinmeier bezog seine Warnung ausdrücklich auf die aktuelle Lage der Bundesrepublik. Er habe die eigene Demokratie für gesichert gehalten und müsse erfahren, dass sie jedenfalls neu angefochten werde, sagte der Bundespräsident laut Mitschnitt von buten un binnen und der Wetterauer Zeitung. Er sprach von einer besinnungslosen Diffamierung der Bundesrepublik durch Extremisten und benannte dabei nicht nur Rechtsextremismus, sondern auch populistische Parteien aller Couleur, die die parlamentarische Demokratie destabilisierten. Die Antwort darauf müsse eine überlegte, stetige, professionelle, durchhaltefähige Regierungspolitik sein, so Steinmeier.

Es geht um die Selbstbehauptung der Demokratie.
- Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident, Festakt zum Tag der Deutschen Einheit, Bremen

Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte, als diesjähriger Bundesratspräsident Gastgeber des Festakts, griff Steinmeiers Appell in seiner eigenen Rede auf. Noch nie seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland hätten Kräfte, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung infrage stellen, so viel Zuspruch wie heute, sagte Bovenschulte und bezog sich damit auf aktuelle Umfragewerte, in denen die AfD bundesweit bei rund 30 Prozent liegt. Die Antwort könne nur klar sein: Es dürfe kein Zurückweichen geben, keinen Millimeter. Der SPD-Politiker schloss mit dem Satz, die Demokratie brauche uns alle.

Vom Rathaus bis zur Glocke

Der Festakt bildete den protokollarischen Höhepunkt eines dicht getakteten Programms. Nach Angaben des Bundespräsidialamts begann der Tag für die Verfassungsorgane bereits um 9.15 Uhr mit dem Eintrag ins Goldene Buch im Bremer Rathaus; es folgten ein Gruppenfoto auf dem Marktplatz, der ökumenische Gottesdienst in Sankt Petri und schließlich um 12.00 Uhr die Reden in der Glocke. Am Nachmittag empfing Steinmeier dort Bürgerdelegationen aus allen Bundesländern. Die Hansestadt richtet die Feierlichkeiten unter dem Motto Viele Stärken - ein Land aus und erwartet an diesem Wochenende rund 400.000 Besucherinnen und Besucher. Für die Sicherheit sind laut Innenressort rund 2.400 Polizisten im Einsatz, unterstützt durch Kräfte aus anderen Bundesländern.

Die scharfen Töne beider Redner stechen vor dem Hintergrund früherer Einheits-Jubiläen heraus. In seiner Berliner Rede 2025 hatte Steinmeier noch stärker auf historische Dankbarkeit gegenüber der ostdeutschen Freiheitsbewegung von 1989 gesetzt. Dass der Bundespräsident jetzt den Vergleich zur Weimarer Republik aufruft und offenlässt, ob die Berliner Republik ihr ähnlicher werde, markiert eine deutliche Verschärfung. Die Rede folgt auf eine Woche, in der extremistisch motivierte Sachbeschädigungen im Bremer Viertel und eine bundesweite Menschenkette von Karlsruhe nach Berlin die Vorberichterstattung geprägt hatten.

Am Abend klingt das Bürgerfest an der Weser mit einer multimedialen Show zwischen Martinianleger und Weserburg aus, am Freitagabend hatten bereits Die Fantastischen Vier auf der Bühne von Radio Bremen gespielt. Die Feierlichkeiten in Bremen enden am Sonntag; die zentrale Einheitsfeier 2027 wird nach der turnusmäßigen Bundesratspräsidentschaft im Saarland ausgerichtet.