Wolfgang Kubicki ist neuer Bundesvorsitzender der FDP - aber nicht so, wie es das Parteipräsidium geplant hatte. Auf dem Bundesparteitag im Berliner Estrel-Hotel setzte sich der 74-Jährige am Samstagnachmittag in einer Kampfabstimmung mit 390 zu 259 Stimmen gegen die Europaabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann durch. Vier Delegierte enthielten sich, fünf stimmten gegen beide Kandidaten. Damit erhielt Kubicki rund 59,3 Prozent der gültigen Stimmen, Strack-Zimmermann 39,3 Prozent.
Die 68-jährige Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Europaparlament war erst am Vormittag in den Wettbewerb eingestiegen. Nach FDP-Satzung braucht eine spontane Bewerbung 33 schriftliche Unterstützungserklärungen aus dem Saal; das Quorum kam zustande, als der frühere Migrationsbeauftragte Joachim Stamp Strack-Zimmermann offiziell vorschlug. Eine vorherige Absprache mit dem Parteivorstand gab es nicht. Bis Freitagabend war Kubicki der einzige Bewerber gewesen - so, wie wir am Vormittag berichteten.
In ihrer mehr als halbstündigen Vorstellungsrede griff Strack-Zimmermann den ausgehandelten Kurs frontal an. Sie warf der Parteispitze einen „faulen Burgfrieden" vor und kritisierte die Inszenierung einer Wahl ohne Gegenkandidat. Den AfD-Streit, der die FDP seit Wochen begleitet, beantwortete sie mit einem Bekenntnis: „Die beste Brandmauer gegen extremistisches Denken ist ein liberaler Kompass", sagte sie laut Tagesspiegel. Eine Anbiederung an Rechtspopulisten lehnte sie ausdrücklich ab.
Wir lieben den Wettbewerb, solange er nicht stattfindet.
Rechtsliberal gegen sozialliberal
Die Kampfabstimmung zwischen Kubicki und Strack-Zimmermann ist auch ein Richtungsentscheid. Kubicki, seit 1971 in der FDP und von 2017 bis 2025 Vizepräsident des Bundestags, steht für den rechtsliberalen Flügel; er hat sich in den vergangenen Monaten mehrfach von der „Brandmauer" der etablierten Parteien zur AfD distanziert und Bundeskanzler Friedrich Merz öffentlich beleidigt. Strack-Zimmermann, die seit 2024 im Europaparlament sitzt, gilt als sozialliberale Stimme und langjährige innerparteiliche Rivalin Kubickis. Beide hatten bereits in der Ampel-Zeit über den Russland-Kurs der Partei gestritten.
Kubicki nahm das Ergebnis demonstrativ gelassen entgegen. „Meine Danksagung geht an Marie-Agnes Strack-Zimmermann, weil ich froh darüber bin, dass die beiden alten Schlachtrösser jetzt ins Geschirr gehen", sagte er nach seiner Wahl, wie ZDFheute berichtet. Strack-Zimmermann hatte schon in ihrer Rede betont, sie sei „nicht hier, um jemanden anzugreifen, sondern weil mir unsere Partei wichtig ist". Ein Posten im neuen Bundesvorstand wurde zunächst nicht angeboten.
Was Kubicki jetzt vor sich hat
Der neue Vorsitzende übernimmt eine Partei, die in bundesweiten Umfragen seit Monaten zwischen drei und vier Prozent dümpelt - das ZDF-Politbarometer wies zuletzt drei Prozent aus, die Bild am Sonntag vier. Im September stehen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin an; in keinem der drei Länder käme die FDP nach aktuellem Stand sicher über die Fünf-Prozent-Hürde. Kubicki hatte vor dem Parteitag öffentlich angekündigt, er wolle binnen eines Jahres in den Umfragen über fünf Prozent stehen, sonst sei er gescheitert. Henning Höne, der seine eigene Vorsitz-Kandidatur im Mai zurückgezogen hatte, wird wie geplant zum Vize gewählt.