Zwei Fälle, zwei Konsequenzen: Während Jens Spahn am vergangenen Freitag als Vorsitzender der Unionsfraktion zurücktrat, soll der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) im Amt bleiben. Regierungssprecher Stefan Kornelius verteidigte den Bonner Virologen am Montag in der Bundespressekonferenz mit einer klaren Formel: Streeck habe „keine politischen Forderungen vertreten, die seiner persönlichen Lebensführung entgegenstehen“.
Damit sehe die Bundesregierung „keine Frage der politischen Glaubwürdigkeit“ und auch „keinen Vorwurf der Doppelmoral“, zitierte das Deutsche Ärzteblatt Kornelius. Der Sprecher zog eine ausdrückliche Trennlinie zum Fall Spahn, der seine Vaterschaft parteiintern erst „sehr, sehr spät“ kommuniziert und zuvor gegen eine Legalisierung von Leihmutterschaft argumentiert hatte.
Streeck und sein Ehemann Paul Zubeil, Unterabteilungsleiter im Bundesgesundheitsministerium, waren Mitte April über die Zeitschrift Bunte an die Öffentlichkeit gegangen. Der Sohn kam nach einer Leihmutterschaft im US-Bundesstaat Idaho zur Welt. „Wir sind von Herzen überglücklich“, ließen die Eltern damals mitteilen. Streeck sitzt seit März 2025 für die CDU im Bundestag und ist seit Mai 2025 Drogenbeauftragter der Bundesregierung.
Herr Streeck hat keine politischen Forderungen vertreten, die seiner persönlichen Lebensführung entgegenstehen.
Zweifel an der Trennlinie
Die CDU hatte auf ihrem Grundsatzparteitag im Februar 2026 die Ablehnung jeder Legalisierung von Leihmutterschaft bekräftigt und dabei ausdrücklich vor der Ausbeutung von Frauen gewarnt. Genau darauf zielen die Kritiker: Wenn ein hochrangiger CDU-Abgeordneter im Ausland genau jene Praxis in Anspruch nehme, die seine Partei im Inland politisch bekämpfe, dann sei das für Streeck persönlich zwar legal, für die Union aber ein Glaubwürdigkeitsproblem.
T-Online arbeitet den Unterschied zwischen den beiden Fällen heraus: Spahn habe die Leihmutterschaft „in deutlichen Worten“ abgelehnt, Streeck sich zu dem Thema öffentlich nie festgelegt. Für die Regierung reicht das, um auf Konsequenzen zu verzichten. Von SPD und Grünen lagen bis Montagabend keine formellen Reaktionen auf die Kornelius-Formel vor.
Personalfragen bleiben offen
Für die Union hängt der Fall Streeck an einem Detail: Der Bonner Virologe hatte sich vor seinem Bundestagseinzug 2025 dezidiert liberal zu Reproduktionsmedizin geäußert, die konkrete Frage der Leihmutterschaft aber ausgespart. Genau diese Leerstelle nutzt das Kanzleramt nun als Schutzschirm. Ob die Fraktion diese Lesart mitträgt, muss sich in den kommenden Tagen zeigen. Für den 29. Juli hat die Union eine Sondersitzung angesetzt, auf der Spahns Nachfolger als Fraktionschef gewählt werden soll. Als Favorit gilt Kanzleramtsminister Thorsten Frei.
Streeck selbst hat sich seit der Rückkehr aus Idaho nicht mehr öffentlich zu dem Thema geäußert. Solange die Regierung an ihrer Formel festhält, bleibt der Drogenbeauftragte im Amt - und die Debatte über die Doppelmoral-Vorwürfe eine, die die CDU vor allem mit sich selbst führen muss.